Interview mit der VDB Vorsitzenden Konstanze Söllner zum Abschluss des 106. Bibliothekartags in Frankfurt am Main

Konstanze Söllner ist Vorsitzende des Vereins Deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare (VDB) und leitende Direktorin der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg. Christopher Bahl von bibliotheksnews befragte Sie zum Abschluss des 106. Bibliothekartags zu den aktuellen Trends, zu der Urheberrechtsreform, zu den erhofften Impulsen und über die diesjährige Publizistenpreisträgerin. Auch dieses Jahr besuchten fast 4.000 Besucher die viertägige Veranstaltung in Frankfurt am Main. Thema war dieses Jahr: Medien – Menschen – Märkte.

VDB Vorsitzende Konstanze Söllner auf dem 106. Bibliothekartag Foto: bibliotheksnews/cb

bibliotheksnews: Welche Arbeitsschwerpunkte beschäftigen den VDB gerade am meisten?

Konstanze Söllner: Ein Arbeitsschwerpunkt für den VDB ist derzeit die zweite Runde des VDB-Mentorings. Wir mussten kurzfristig weitere Mentorinnen und Mentoren gewinnen, weil wir von der Nachfrage überrascht wurden. Die Öffnung für Mitglieder unseres Partnerverbands BIB hat sich sehr deutlich ausgewirkt. Das Mentoring-Programm hat ein großes Potential, ein dauerhaftes Angebot des VDB zu werden. Ein weiteres wichtiges Ziel des VDB ist es, dass alle Kolleginnen und Kollegen mit Bachelor-Abschluss, die in wissenschaftlichen Bibliotheken arbeiten, künftig über die Entgeltgruppe E9 hinaus eingruppiert werden können. Die Tarifvertragsparteien der Länder haben sich bei der Tarifrunde 2017 auf eine Prozessvereinbarung zur Entgeltordnung verständigt. Hier wollen wir ansetzen.

Und besonders wichtig ist uns die Unterstützung der ZB MED im derzeit laufenden Transformationsprozess. Der VDB möchte nicht bei Stellungnahmen und offenen Briefen stehenbleiben, sondern unterstützt die ZB MED auch bei praktischen Fragen der Transformation.

bibliotheksnews: Sie hatten hier auf dem Bibliothekartag eine Mitgliederversammlung des VDB. Welche Strategien werden zurzeit im VDB besprochen und welche verfolgen Sie für die Zukunft?

Söllner: Der Vereinsausschuss hat sich im März mit der künftigen Ausrichtung des Deutschen Bibliothekartages beschäftigt. Anlass dafür war ein Positionspapier unseres Partnerverbands BIB. Der Bibliothekartag ist ein Angebot, mit dem der VDB regelmäßig mehr als ein Viertel seiner Mitglieder erreicht. Auch in absoluten Zahlen wächst der Anteil der VDB-Mitglieder auf dem Bibliothekartag in den letzten Jahren stetig. Insgesamt kommen knapp 70 % aller Teilnehmer/innen aus wissenschaftlichen Bibliotheken. Dieser Kernarbeitsbereich hat daher im Moment unsere besondere Aufmerksamkeit, ebenso wie beim BIB.

bibliotheksnews: Welche Impulse erhoffen Sie sich hier auf dem 106. Bibliothekartag gesetzt zu haben?

Söllner: Wir hoffen, einen ganz starken Impuls für das neue Urheberrecht gesetzt zu haben. Das neue Gesetz, dass hoffentlich noch in dieser Legislaturperiode beschlossen wird, war Hauptthema unserer Pressearbeit. Für Bibliotheken ist es wichtig, dass das Urheberrecht wissenschaftsfreundlich wird. Es kann nicht Aufgabe von Bibliotheken sein, die Scans im Moodle-System ihrer Hochschule einzeln bei der VG Wort zu melden, oder vor jedem Fernleihvorgang juristisch zu prüfen, ob dieser seitens des Verlages vertraglich ausgeschlossen wird. Das betrifft unmittelbar die Tätigkeit der Bibliothekarinnen und Bibliothekare. Wir wünschen uns, dass künftig mehr Klarheit und Rechtssicherheit für unsere tägliche Arbeit herrscht, denn Bibliothekarinnen und Bibliothekare wollen Zugang im Rahmen der geltenden Gesetze schaffen.

bibliotheksnews: Sind Sie mit dem Regierungsentwurf zur Urheberrechtsreform der Bundesregierung zufrieden?

Söllner: Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden. Es sind Kompromisse geschlossen worden, davon tun einige auch wirklich weh. Gerade an Stellen, wo wir schon einmal weiter waren. Im Moment ist es aber wichtig, dass das Urheberrecht wissenschaftsfreundlicher wird. Das hat auch Auswirkungen für das EU-Recht. Mit Sorge sehe ich die Tendenz hin zum Vertragsvorrang. Dann müssten Bibliotheken künftig womöglich wie Unternehmen jeden Scan und jede Fernleihe teuer lizenzieren, auch wenn sie bereits eine Zeitschriftenlizenz im Bestand haben.

bibliotheksnews: Was ist Ihrer Meinung nach der elementarste Fortschritt in dieser Reform für wissenschaftliche Bibliotheken? Welche Maßnahme begrüßen Sie am meisten? Was sollte noch verbessert werden?

Söllner: Am wichtigsten ist der Verzicht auf die Einzelerfassung und auf den Vertragsvorrang bei Verlagsangeboten. Denn so habe ich mir die Bibliothek der Zukunft nicht vorgestellt, dass Bibliothekarinnen und Bibliothekare Tausende und Zehntausende Dokumente einzeln an die VG Wort melden oder bei jeder Fernleihbestellung einen Juristen einschalten müssen. Da haben wir wirklich Wichtigeres zu tun. Aber auch die Regelungen zum Text- und Datamining sind sehr bedeutsam für Bibliotheken, die im Rahmen der Digital Humanities eng mit der Wissenschaft kooperieren. Und ich wünsche mir, dass sich die Bundesregierung endlich auch mit der Frage des elektronischen Verleihs durch Bibliotheken beschäftigt.

bibliotheksnews: Was bedeutet die Erlaubnis des „Web-Harvesting“ und Zitationsarchive für eine wissenschaftliche Bibliothek, welche Vorteile sehen Sie?

Söllner: Das Archivieren von Netzpublikationen stellt ein echtes Mengenproblem dar. Ohne die rechtliche Erlaubnis für das selbständige Sammeln von Netzpublikationen kann beispielsweise die Deutsche Nationabibliothek (DNB)  ihrem Sammlungs- und Archivierungsauftrag nicht nachkommen. Die DNB ist schon seit 2006 per Gesetz für die Sammlung und Bewahrung auch von Netzpublikationen zuständig, hatte dafür bislang aber keine urheberrechtliche Grundlage. Ein Archiv frei zugänglicher Online-Quellen ist wichtig, um Zitate nachvollziehbar zu machen, wenn sich die URL von Online-Quellen ändert. Der Vorteil für die Wissenschaft besteht darin, dass Quellen gespeichert werden, deren Zugänglichkeit nicht auf anderem Wege dauerhaft gewährleistet ist.

bibliotheksnews: Es gab hier auf dem Bibliothekartag eine öffentliche Sitzung der gemeinsamen Kommission Informationskompetenz von dbv und VDB. Welche Bedeutung hat die Informationskompetenz im derzeitigen „postfaktischen Zeitalter“ und welches Gewicht haben dabei die Verbände? Welche Strategien stecken dahinter?

Söllner: Die Gemeinsame Kommission Informationskompetenz betreibt eine sehr aktive Kommissionsarbeit. Dem ist es sicherlich mit zu verdanken, dass das Thema es in die Hochschulleitungen und bis zur HRK geschafft hat. Informationskompetenz ist in der Tätigkeit unserer Kolleginnen und Kollegen quasi omnipräsent, und neue Arbeitsfelder wie das Forschungsdatenmanagement erfordern sogar noch einen Ausbau der Angebote. Das Ziel muss aus meiner Sicht sein, dass sich der Sachverstand nicht nur der gemeinsamen Kommission Informationskompetenz sondern von allen Kommissionen noch direkter auswirkt, sei es bei Stellungnahmen, in Fortbildungen oder in der Strategiebildung der Verbände.

bibliotheksnews: In den Monaten Januar bis Oktober 2016 waren siebenmal so viele Stellen mit dem Aufgabenbereich der Vermittlung von Informationskompetenz ausgeschrieben als 10 Jahre zuvor. Wie können angehende Bibliothekarinnen und Bibliothekare für den Aufgabenbereich der Informationskompetenzvermittlung vorbereitet werden und welche Kompetenzen, Kenntnisse und Fähigkeiten sind dabei besonders relevant?

Söllner: Es sind die Kompetenzen, Kenntnisse und Fähigkeiten, die allgemein in der Lehre gebraucht werden – in der Oberstufe des Gymnasiums oder an der Hochschule. Inzwischen gibt es dafür viele Ausbildungswege, sei es während des Studiums, als modularer Kurs oder als hochschuldidaktisches Weiterbildungsangebot der eigenen Hochschule. Wenn man Wissen weitergeben will, sollte man einen echten fachlichen Vorsprung haben.