„Ziemlich beste Feinde“

Bibliotheken und Verlage schauen seit der Erfindung des Buchdrucks auf eine 500-jährige Geschichte zurück. In den letzten Jahren gab es zwischen den Kooperationspartnern viele Konflikte und Diskussionen, die zu einem eher angeschlagenem Verhältnis führten.

Von Samantha Tirtohusodo

Zum Thema „Ziemlich beste Feinde?“ diskutierten auf dem Berliner Bibliothekartag Vertreter von Verlagen, Bibliotheken und Handel die Frage, wie sie ihre Beziehung in der Zukunft entwickeln wollen. Stellvertretend für die Verlage waren Sven Fund Geschäftsführer des Peter-Lang-Verlags, Sybille Geisenheyner von der Royal Society of Chemistry und Dagmar Laging von Springer Nature auf dem Podium. Von Seiten der Bibliotheken waren Oliver Hinte von der Universitäts- und Staatsbibliothek Köln und Bernd Mittermaier von der Zentralbibliothek des Forschungszentrum Jülich und Mitglieder der DEAL-Verhandlungsgruppe auf der Bühne. Der Handel war durch Philipp Neie von der Schweitzer Fachinformation vertreten. Moderiert wurde die Diskussion von Thoma Mutschler von der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek.

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Von links nach rechts: Philipp Neie, Sybille Geienheyner, Dagmar Laging, Thomas Mutschler, Bernd Mittermaier, Oliver Hinte, Sven Fund. Bibliotheksnews/st

Direkt zu Beginn der Diskussion war zu erkennen, dass vor allem das Projekt DEAL und Open Access an dem Verhältnis zwischen Bibliotheken und Verlagen kratzt. Fund kritisiert, dass in der aktuellen Neuverteilungsphase jeder nur an sich denkt. Auch Hinte betrachtet die „Geiz ist geil“-Mentalität kritisch. Er sieht es außerdem als Problem an, dass die DEAL-Verhandlungen für Außenstehende nicht transparent sind. Mittermaier, Mitglied der DEAL-Verhandlungsgruppe erklärt, dass durch die Verhandlungen Wiley, Elsevier und Springer Nature ermöglicht wird, sich das größte Stück vom Kuchen zu schnappen. Für die kleineren Verlage bleibt dann nur noch deutlich weniger übrig. Bibliotheken können ihr Geld schließlich nur einmal ausgeben. Geisenheyner ist der Meinung, dass die Verhandlungen mit kleinen und mittelständischen Verlagen geführt werden sollten, da diese sich stark für Open Access engagiert haben und für Gespräche offen sind.

Ein großes Problem während der Diskussion waren die Unklarheiten über Preise und Ausgaben. Auf Bibliotheksseite war ungewiss, warum E-Journals preislich so hoch angesetzt werden müssen und wieso die Bibliotheken bei einigen Verlagen immer noch extra für bunte Abbildungen bezahlen müssen. Geisenheyner erklärte dazu, dass das Sichten der eingereichten Publikationen und der Prozess bis zur Veröffentlichung einen Verlag viel kostet. Nur etwa dreißig Prozent der Einreichungen werden bei der Royal Society of Chemistry veröffentlicht. Für Farbabbildungen gesondert Geld zu verlangen, kann sie ebenfalls nicht nachvollziehen. In ihrem Betrieb werde das nicht so gehandhabt. Für Verlage ist aktuell unklar, wofür Bibliotheken das Geld ausgeben, welches eigentlich für die „großen drei“ gedacht ist. Mittermaier erklärt, dass mit SpringerNature nach wie vor Verträge bestehen und einige Bibliotheken immer noch laufende Verträge mit Elsevier haben. Neie äußert daraufhin die Vermutung, dass diese Gelder im Markt platziert werden. Er vermutet, dass bei Schweitzer Fachinformation einige Bestellungen mit Geldern eingehen, die eigentlich für die DEAL-Verhandlungspartner gedacht gewesen sind.

Bezogen auf Open Access wurde die rechtlich sehr strittige Schattenbibliothek Sci-Hub diskutiert. Fund kritisiert in diesem Kontext, dass Bibliotheken den Zugang von Informationen zu schwierig machen. Mittermaier lenkt ein und stellt die Wichtigkeit von Datenbanken nicht in Frage. Er lobt die gute Nutzeroberfläche von Sci-Hub, betont aber, dass es illegal sei.

Unklarheiten gab es auch bei der Frage, welche Funktionen Verlage zukünftig haben werden. Hinte sieht Verlage durch ihre hohe Expertise als unverzichtbar an. „Man müsse nur ein gutes Geschäftsmodell entwickeln“, so Hinte. Auch Fund ist der Meinung, dass Verlage gebraucht werden und es viele Möglichkeiten der Kooperation gibt. Er sieht die Möglichkeit, dass Verlage Professoren zum Beispiel bei der Beantragung von Forschungsgeldern unterstützen könnten. Laging sieht bei der Wandlung von E-Books zu Open Access viele Parallelen zu dem früheren Wandel von Print zu digitalen Medien. Schon damals haben sich Aufgaben und Dienstleistungen für Verlage herausgebildet und das wird auch dieses Mal so sein. Sie sieht das Problem bei den jüngeren lesenden und publizierenden Nutzern, da ihnen das Verständnis für Verlage fehlt. Die jüngere Generation denkt, sie fände alles im Internet, so Laging.

Hintes Schlusswort lässt hoffnungsvoll in die Zukunft für Verlage und Bibliotheken blicken: „Ziemlich beste Partner“ sei das Stichwort. Beide Seiten sollen versuchen, sich in den anderen hineinzuversetzen und nicht nur an sich selber zu denken.