„Open Access gehört auf die Leitungsebene“

Dr. Christina Riesenweber von der Freien Universität Berlin ist Referentin im Open Access Büro Berlin und moderierte auf dem diesjährigen Bibliothekartag Sessions zum  Open Access. Maximilian Keuenhof hat sie für bibliotheksnews zu aktuellen Entwicklungen in ihrem Fachgebiet interviewt.

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Dr. Christina Riesenweber arbeitet and der Freien Universität Berlin und ist Referentin im Open Access Büro Berlin. Foto: Branka Pavlovic / Lizenz: CC-BY 4.0 

bibliotheksnews: Frau Dr. Riesenweber, welchen Beitrag hat Open Access bis jetzt für die Wissenschaft geleistet?

Christina Riesenweber: Vor allem eine Egalisierung der Zugänge: mehr Leute haben weltweit die Möglichkeit am wissenschaftlichen Wissen zu partizipieren, auch zwischen den verschiedenen Berufsständen. Nicht nur Studierende, sondern auch eine Reihe von praxisbezogenen Berufssparten profitieren. Auch die interessierte Öffentlichkeit kann an Open Access teilhaben. Open Access hat eine Debatte darüber angestoßen, wem eigentlich wissenschaftliches Wissen gehören soll. Wir sehen im Bereich Open Science die Öffnung der Wissenschaft als Ganzes.

bibliotheksnews: Was ist der größte Irrglaube über Open Access?

Riesenweber: Da gibt es wirklich einen, der sich hartnäckig hält: Das ist der Irrglaube, dass Open-Access-Publikationen qualitativ weniger wert wären als andere. Man muss sich vor Augen führen, dass die Qualitätssicherungssysteme in einer Open-Access-Zeitschrift genau die gleichen sind wie in anderen Publikationen. Es gibt Print-Journals mit schlechten und guten Peer-Review-Verfahren, natürlich gibt es die auch bei Open Access. Zusätzlich gibt es da noch die Angst, dass Article Processing Charges ein Anreiz für die Verlage werden könnten, diese abzugreifen und die Qualitätssicherung zu vernachlässigen. Diese sogenannten Predatory Journals sind aber schnell erkannt und langfristig kein echtes Problem. Der Punkt ist: Gute und schlechte Journals gibt es im Print, gibt es im Closed Access, und im Open Access genauso. Eine Zeit lang sah es ein bisschen so aus als wären Open Access Journals schlechter, weil sie neu waren und noch keine Reputation aufbauen konnten, aber das baut sich langsam ab. Und bei der Idee des Green Open Access stellt sich die Frage gar nicht, weil da die originären Publikationsorte Closed-Access-Zeitschriften sind.

bibliotheksnews: Und gibt es Beispiele für Bibliotheken mit guten Open-Access-Strategien?

Riesenweber: Die Open-Access-Strategie der Freien universität haben wir erst im letzten Jahr veröffentlicht und da können wir noch nicht gut abwägen, wie sie umgesetzt wurde. Hier in Berlin ist die Technische Universität spannend. Die hat sich gerade im letzten Jahr in einem sehr partizipativen Prozess eine neue Open Access Policy gegeben und die würde ich ein Referenzmodell nennen. Sie hat alles, was eine moderne Policy haben muss. Die Kolleginnen und Kollegen haben den Prozess auch gut dokumentiert und Blog-Beiträge darüber verfasst, wie sie die Policy implementiert haben.

bibliotheksnews: Welche Beiträge können Bibliotheken für Open-Access-Publikationen leisten?

Riesenweber: Sie können sich um das Geld kümmern, also alle Finanzierungsflüsse, die mit Article Processing Charges zu tun haben, und einen Publikationsfond einrichten. Sie können aber auch andere Formen von Open Access unterstützen, etwa durch Mitgliedschaften beim Directory of Open Access Journals und durch Mitgliedschaften bei konsortialorganisierten Verlagen wie Open Library of Humanities. Des weiteren können Bibliotheken am technischen Infrastrukturaufbau mitwirken und das bezieht sich hier vor allem auf das Betreiben von guten institutionellen Repositorien, in denen wir dann Open-Access-Publikationen veröffentlichen können und zum Beispiel auch Dissertationen auf dem goldenen Weg ‚Open Access‘ publizieren. Diese Repositorien sind auch für Forschungsdaten geeignet, sodass wir Open Data noch mit abdecken können. Ich persönlich halte Aufklärung und Information für eine der wichtigsten Aufgaben, also in Informationskompetenz-Workshops, in Weiterbildung aber auch in der One-on-One-Beratung von Studierenden und Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen. Wir können helfen, das Thema Open Access auf dem Schirm zu haben und das Wissen um Open Access weiterzutragen.

bibliotheksnews: Was würden Sie Bibliotheken mit auf den Weg geben, die gerade erst anfangen, sich mit Open Access zu beschäftigen?

Riesenweber: Sie sollten sich Best Practices suchen, also vergleichbare Institutionen, die schon einen Schritt weiter sind. Es gibt kleine Fachhochschulen, die Open Access sehr gut betreiben, und es gibt große Universitäten, die das gut machen. Ich würde nach einem Vorbild suchen und mich daran orientieren. Zwei Aspekte sind besonders wichtig: Man muss Vor-Ort-Ansprechpartner schaffen. In der Berliner Open-Access-Strategie zum Beispiel heißt es: Benennen Sie eine Open-Access- Beauftragte oder einen Open-Access-Beauftragten, also eine Ansprechperson, die sich mit dem Thema gut auskennt. Zum anderen muss man Open Access auf der Leitungsebene verankern. Es ist ein Querschnittsthema, das von den Leitungen vorangebracht werden muss. Es ist schwer in einer Institution etwas zu ändern, wenn nicht auf Ebene des Präsidiums oder zumindest der Bibliotheksdirektion die Klarheit besteht: „Openness ist ein Thema, das uns wicht ist.“