Forschen nach nationalsozialistischen Raubgütern

Zehntausende Bücher gelangten in der Zeit des Nationalsozialismus als Raubgut in den Bestand deutscher Bibliotheken. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich verpflichtet, diese Werke aufzuspüren und ihren rechtmäßigen Eigentümern zurückzugeben. Am Donnerstag haben verschiedene Provenienzforschungsprojekte ihre Erfahrungen mit der Recherche nach NS-Raubgütern vorgestellt.

Von Arne Schiffler

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Dr. Carola Schelle-Wolff stellt die Provenienzrecherche an der Stadtbibliothek Hannover vor. Foto: bibliotheksnews/as

Zwischen 1933-1945 sind zahlreiche Menschen der nationalsozialistischen Verfolgung ausgesetzt gewesen. Viele der Verfolgten verloren in dieser Zeit ihren Besitz, etwa durch Beschlagnahmungen oder Zwangsverkäufe. Zu diesem Raubgut zählte auch eine große Zahl von Büchern, zum Teil ganze Bibliotheken, von denen viele in den Besitz von staatlichen deutschen Bibliotheken gelangten. So konnten zwangsverkaufte Bestände günstig erworben werden, während beschlagnahmte Bücher häufig als „Spenden“ der Verfolgungsbehörden aufgenommen wurden.

Vor zwanzig Jahren unterzeichnete die Bundesrepublik die Washingtoner Erklärung und ging damit die Selbstverpflichtung ein, ihre öffentlichen Sammlungen nach in der NS-Zeit verfolgungsbedingt eingezogenen Kulturgütern zu erforschen und diese, sofern möglich und gewünscht, den rechtmäßigen Besitzer*innen bzw. ihren Erb*innen zurückzugeben. Neben anderen Kultureinrichtungen befinden sich damit auch Bibliotheken in der Pflicht, die Provenienzen der eigenen Bestände zu überprüfen.

Wie Provenienzforschung nach NS-Raubgut in Bibliotheken in der Praxis aussehen kann, wurde am Donnerstag in sechs Vorträgen dargestellt. Dort berichteten Cornelia Ranft (Projekt: Provenienzrecherche an der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig), Ulrike Vogl (Projekt: Recherche nach NS-Raubgut in den Beständen der Badischen Landesbibliothek), Dr. Meda Diana Hotea (Eidgenössische Technische Hochschule-Bibliothek Zürich  und Leiterin von e-rara.ch), Jenka Fuchs und Dr. Carola Schelle-Wolff (beide Projekt: Provenienzforschung an der Stadtbibliothek Hannover), Dr. Cornelia Briel (Projekt: Provenienzforschung in der Forschungsbibliothek des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung) und Birgit Schulte (Fachinformationszentrum der Bundeswehr) über ihre Projekte, ihre Erfolge und ihre Schwierigkeiten bei der Untersuchung der Herkunft des eigenen Bibliotheksbestandes, sowie bei der Identifikation von ehemaligen Besitzer*innen und der Kontaktaufnahme zu diesen. Moderiert wurden die Veranstaltung von Jana Kocourek (Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden) und Dr. Christiane Hoffrath (Universitäts- und Stadtbibliothek Köln).

Der erste Schritt bei der Provenienzrecherche ist zumeist die Überprüfung der Zugangsbücher aus der Zeit des Nationalsozialismus. Durch die Suche nach verdächtigen Quellen können häufig erste Hinweise auf mögliche Raubgüter im eigenen Bestand entdeckt werden. So konnten in der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig (DNB) durch die systematische Durchsicht der Zugangsjournale, alleine für die Jahre 1938-1939, 560 begründete Verdachtsfälle dokumentiert werden. Sie alle wurden damals der Deutschen Bücherei, dem Vorläufer der heutigen DNB, von der Bücherverwertungsstelle Wien zugeteilt. Die Verwertungsstelle war eine Einrichtung deren primäre Aufgabe in der Verwaltung von beschlagnahmten Schriftgut bestand.

Die Identifikation von verdächtigen Quellen kann jedoch nur ein erster Schritt sein um zu untersuchende Bestände herauszufiltern, letztlich führt kein Weg an der Überprüfung jedes einzelnen Werkes vorbei: „Wir müssen jedes Buch aus dem Regal nehmen und für jedes Buch per Autopsie nachschauen, ob es Hinweise auf NS-Raubgut gibt“, so Cornelia Ranft.

Auch verfügen nicht alle Bibliotheken über ein vollständig erhaltenes Verwaltungsschriftgut aus den betreffenden Jahren, wenn wie in Karlsruhe oder Hannover Teile der Bibliothek im Krieg zerstört wurden. In diesen Fällen kann die Recherche in externen Archiven helfen, durch die Aufklärung der eigenen Bibliotheksgeschichte und der historischen Verflechtung der Bibliothek Hinweise auf mögliche Quellen und potentiell geraubte Bestände zu finden. Aber bei der Archivrecherche „muss man sich vor Augen führen, dass nur ein Bruchteil dieser Spuren überhaupt noch in Archiven vorhanden sind.“ (Ulrike Vogl)

Leider genügt es nicht nur die Erwerbungen aus der NS-Zeit zu begutachten: „Die Grenze 1945 gilt nicht, weil die Bestände sich auch nach dem Krieg verstreut haben.“ (Jana Kocourek) „In einigen Fällen entdeckten wir sogar Zugänge aus den 2000er Jahren.“ (Birgit Schulte) Ein anschauliches Beispiel liefern die Altbestände der Bibliothek des Herder Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung, welche zwischenzeitlich neben zahlreichen anderen Stationen auch in den Regalen der Library of Congress in Washington D.C. standen, bevor sie Ende der 1950er Jahre ihren Weg zurück nach Deutschland fanden.

Ist ein Buch eindeutig als Raubgut identifiziert, müssen die rechtmäßigen Besitzer*innen, in der Regel die Erb*innen der ursprünglichen Eigentümer*innen identifiziert und ausfindig gemacht werden. Mit diesen gilt es eine Einigung zu finden, also die Rückgabe der Werke oder die Leistung einer adäquaten Abgeltung.

Ein zentrales Thema ist auch die Frage der Nachhaltigkeit. Die meisten Provenienzforschungsprojekte werden nur für eine befristete Zeit gefördert, was Wege einer möglichen Nachnutzung nötig macht. Ein möglicher Anfang einer dauerhaften Nutzbarmachung bereits gefundener Ergebnisse, könnte die Provenienzdatenbank E-Pics sein, die von Dr. Meda Diana Hotea vorgestellt wurde. Ein vollständiger Ersatz für fehlende dauerhafte Stellen für die Provenienzrecherche können solche Plattformen allerdings nicht sein: „Unser großes Dilemma ist, dass die Strukturen nicht dem entsprechen, was wir brauchen.“ (Jana Kocourek)