„Heutzutage sollen wir alle alles bewerten.“

Bei den Vorträgen von Felix Falkner vom Medien- und Informationszentrum der Züricher Hochschule der Künste (MIZ) und Olaf Eigenbrodt von der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg standen Nutzerbefragung und Nutzerbeteiligung im Fokus. Sie ließen ihre Zuhörer an ihren Erfahrungen teilhaben und erläuterten Möglichkeiten und Probleme der Einbeziehung von Nutzern.

Von Samantha Tirtohusodo

Laut Falkner erheben viele Bibliotheken einen Rückgang an Ausleihzahlen. Rückgängige Zutritts- und Nutzerzahlen sind deswegen allerdings nicht zwangsläufig zu erkennen. Diese Zahlen machen darauf aufmerksam, wie wichtig es ist die Bibliothek als einladendes und angenehmes Umfeld zu gestalten.

Bibliotheken sind ein Raum der Zusammenkunft und des Austausches, aber auch ein Raum für Ruhe und Stille. Genutzt werden sie für konzentriertes Arbeiten genauso wie für gemeinsames Entwickeln von Ideen. Felix Falkner stellte ein außergewöhnliches Konzept vor um die Bibliothek für Studenten der Hochschule attraktiver zu gestalten. Tische, Stühle und Regale reichten dafür nicht aus. Mit leitfadengestützten Interviews und anschließenden Fragebögen stellte sich heraus, dass neben längeren Öffnungszeiten vor allem Ruhe, Gemütlichkeit und eine größere Auswahl an Arbeitsplätzen für das MIZ gefragt waren.

„Von der Learning Library zur Napping Library“: Falkner wollte Studenten eine Möglichkeit geben, sich mit einem kurzen Nickerchen zu erholen, ohne dafür einen weiteren Weg Nachhause zurücklegen zu müssen. Für einen Praxistest stellte Falkner ein Bett im MIZ auf. Zu seiner Ernüchterung wurde dieses nicht genutzt. Stattdessen schliefen Studenten auf Teppichen und zusammengeschobenen Stühlen. Falkner zog aus diesen Beobachtungen den Schluss, dass ein Schläfchen in der Bibliothek durchaus eine Option für viele Studierende ist. Allerdings müsse den Nutzern ermöglicht werden, sich durch gewisse Improvisationen selbst seinen Schlafplatz zu gestalten. Bei einem Nickerchen in der Öffentlichkeit darf es wohl auch nicht zu bequem sein. Als Resultat dieses Praxistests entstand ein umgestalteter Raum, mit gemütlichen Teppichen und Vitra-Möbeln.

Natürlich muss eine Bibliothek Daten erheben, um Nutzerwünsche aufnehmen und auf diese eingehen zu können. Falkner macht darauf aufmerksam, dass bei Nutzerbefragungen Vorsicht geboten ist. „Heutzutage sollen wir alle alles bewerten.“ Dadurch haben Befragungen stark an Akzeptanz verloren und werden als negativ bewertet. Er spricht von einem „Ermüdungseffekt“, der bei Nutzern aufgetreten ist.

Falkners Nachredner Olaf Eigenbrodt konnte diese Aussage nicht bestätigen. An der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg gäbe es immer eine hohe Beteiligung bei Nutzerbefragungen. Dies könne aber auch vom ständigen Generationenwechsel an der Universität Hamburg kommen, erläutert Eigenbrodt. Er sieht bei den Befragungen ein anderes Problem: Bei Nutzerbefragungen kommen meistens nur Dinge raus, die für alle Beteiligten nichts Neues sind.  Eigenbrodt sieht Nutzerbeteiligungen als sinnvoller an, da diese interaktiver und offener sind. Er macht darauf aufmerksam, dass für solche Beteiligung kein großes Budget nötig ist. Das Motto: „Keep ist simple“ – Mit kleinen Projekten starten, Mittel gezielt einsetzen, interne Ressourcen nutzen und Medienkompetenz teilen. Eigenbrodt gibt den Anstoß, an Projekten zu experimentieren und sich nicht immer streng an methodisches Vorgehen zu halten. Er spricht von methodischer Offenheit. Wenn Methoden sich als ungeeignet erweisen, hat man auch etwas gelernt: „Scheitern gehört hier zum Konzept“, ermutigt Eigenbrodt.

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Olaf Eigenbrodt’s Meinung zum Thema Nutzerbeteiligungen in Bibliotheken. Foto: bibliotheksnews/st