„Hermine Granger‘s Zeitumkehrer brauchen wir nicht“

Mit diesem Statement läutete Prof. Frauke Schade die Vorträge zum Thema Berufsbild und Studium im Wandel ein. Wie die Zukunft des Bibliothekswesens genau aussehen wird, weiß jedoch niemand mit Gewissheit.

Von Annabelle Quehl

Frauke-Schade-Diskussion

Von links nach rechts: Moderatorin Prof. Frauke Schade mit den Referenten Prof. Cornelia Vonhof, Dr. Jan-Pieter Barbian, Prof. Dr. Simone Fühles-Urbach, Prof. Dr. Elke Greifeneder und Ulla Wimmer. Foto: bibliotheksnews/aq


Die weltweiten Trends in Bibliotheken und die daraus resultierenden Konsequenzen für die Lehre stellte Prof. Cornelia Vonhof (HdM Stuttgart) anhand des IFLA Trendreports vor und gab einen Ausblick auf die Zukunft des Bibliothekswesens. Im Report werden fünf wegweisende Trends beleuchtet, die man, so Vonhof, nicht isoliert betrachten darf. Wichtig ist stattdessen, sich deren Ambivalenz bewusst zu machen.

Ein stetig an Bedeutung gewinnendes Feld sind die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Bibliothekare der Zukunft. In „Berufsbild 2000“ war bereits die Rede von einem Bedarf an Generalisten und Spezialisten, doch wurde in der Gesamtheit nie weiter am Berufsbild gefeilt, lediglich Teilaspekte sind weiterentwickelt worden. Aufgegriffen hat sie diesen Aspekt unter: „Future Work Skills 2020“. Als besonders relevant hob die Professorin für Public Management an der Hochschule der Medien in Stuttgart ‚Novel and Adaptive Thinking‘ sowie ‚Transdisciplinarity‘ hervor. Hierzu stellte sie die Frage nach den ‚skills for the future workforce‘, also welche Mitarbeiter Bibliotheken in Zukunft brauchen und wollen.

Die Antwort hierauf war eindeutig: offene, fröhliche, bunte, engagierte Menschen.

Novel and Adaptive Thinking meint die Fähigkeit, auf unerwartete Situationen zu reagieren und Lösungen abseits der routinemäßigen und regelbasierten Situationen zu treffen. Transdisciplinarity bedeutet in diesem Kontext, über den Tellerrand zu schauen und, ergänzend zur formalen Ausbildung, interdisziplinär zu lernen.

Die „21st Century Skills Frameworks“ ergeben für Studium und Lehre verschiedene Kategorien von Kenntnissen, die vermittelt werden sollen. Foundation skills and general knowledge, professional skills und behavioural skills.

Zur Herausforderung der Vermittlung einer so diversen Bandbreite an Fähigkeiten nannte Prof. Vonhof die Vision der HdM Stuttgart. Sie lautet „Transformative Fakultät“. Abschließend kündigte sie an, Hochschulen müssten dringend „aus ihrem Elfenbeinturm“ heraus treten.

Die Öffentlichen Bibliotheken in der Zukunft stellte uns der Direktor der Stadtbibliothek Duisburg, Dr. Jan-Pieter Barbian, vor. Seine zentrale These: Wer in der Kindheit die Bibliotheksnutzung nicht vorgelebt bekommt, wird später mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Nutzer einer Bibliothek. Hier knüpfen die ‚Ziele der Gegenwart‘ an. Sprach- und Lesekompetenz als Schlüsselqualifikation soll gefördert werden, unabhängig von sozialer und geografischer Herkunft. Man möchte Schulen bei der Leseförderung unterstützen und Schüler*innen Räumlichkeiten bieten, sowie Medien aller Art zur Verfügung stellen, um eine freie Informationsversorgung zu gewährleisten. Hinzu kommen das lebenslange Lernen und die Bibliothek als „dritter Ort“. An dieser Stelle ist besonders zu betonen, dass die für Bibliotheken selbstverständlichen Angebote vielen Menschen, darunter Entscheidungsträger, nicht bekannt sind.

Zur Entwicklung der Bibliotheken wurde zu bedenken gegeben, dass der Sprung ins 21. Jahrhundert bereits im Gange sei, man in Deutschland jedoch schlichtweg keine Flächen und Räumlichkeiten bekomme, die Möglichkeiten wie im „Mekka der Bibliotheken“ Aarhus bieten. In Zukunft werden Bibliotheken auch ganz neue Aufgaben haben. Sie werden Sozialarbeiter, Partner, Entertainer, Architekt oder Designer sein. Der soziale Aspekt, so fordert Dr. Barbian, müsse dringend an Bedeutung und Aufmerksamkeit gewinnen. Hier sind Studium und Lehre gefragt, sich verstärkt diesem Thema zu widmen.

Der Frage, warum eine Studienreform notwendig ist, widmete sich Prof. Dr. Simone Fühles-Ubach von der Technischen Hochschule Köln. Besonders hervorzuheben ist die Abbrecherquote, die zukünftig verstärkt die finanziellen Ressourcen beeinflusst. In einer Zukunftswerkstatt eruierten Mitarbeiter der TH Köln den idealen Absolventen und die notwendigen Veränderungen der Studiengänge. Sie kamen zu dem Schluss, dass Schwerpunktbildung eine optimale Maßnahme ist. Die angebotenen Schwerpunkte Data Librarian, WB Scholarly Communication und ÖB Community Building sind optionale Möglichkeiten der Spezialisierung, die den Studierenden angeboten werden. Da der Data Librarian abgedockt wurde, entstanden neue Studiengänge und ein angepasstes Fächerspektrum.

Ergänzend gaben Ulla Wimmer und Prof. Dr. Elke Greifeneder vom Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin einen Einblick in die Veränderungen, die das Institut im 90-jährigen Bestehen durchlebt hat, sowie die aktuellen Studiengänge. Bemerkenswert an dieser Stelle ist, dass der Generationswechsel nahezu vollständig vollzogen ist und der Altersdurchschnitt inklusive der Professuren bei rund 37 Jahren liegt. Die Trends und neuen Anforderungsprofile führen zu einer Reformation des Bibliothekswesens, die bereits aktiv umgesetzt wird.