„Die Diskussion ist Ausdruck dafür, dass die Welt ungemütlicher geworden ist.“

Rechte Parteien und Bewegungen befinden sich in weiten Teilen Europas auf dem Vormarsch. Auch in Deutschland hat sich mit der AfD eine rechtspopulistische Partei in der kommunalen wie der überregionalen Politik etabliert. Zur Frage, welche Auswirkungen diese Entwicklung auf Öffentliche Bibliotheken hat und welche Handlungsmöglichkeiten im Umgang damit bestehen, wurde am Dienstag auf Einladung des dbv-Landesverbandes Berlin diskutiert.

Von Arne Schiffler

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Diskutierten über den Umgang mit Populismus in Bibliotheken: Dr. Boryano Rickum, Dr. Manuel Seitenbecher, Thomas Gill, Hannes Ley und Julia Weis (von links nach rechts), Foto: Bibliotheksnews/as

Für den Landesvorstand des dbv Berlin stellten sich Julia Weis (Stadtbibliothek Friedrichshain-Kreuzberg) und Dr. Manuel Seitenbecher (Zentral- und Landesbibliothek Berlin) der Diskussion. Als Nichtbibliothekare sorgten zudem Thomas Gill, Leiter der Berliner Landeszentrale für politische Bildung, und Hannes Ley, Gründer der Initiative #ichbinhier , für eine Fokuserweiterung. Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Boryano Rickum, dbv Landesvorstand Berlin und Leiter der Bibliothek Tempelhof-Schöneberg. Dr. Benjamin-Immanuel Hoff, der thüringische Minister für Kultur-, Bundes- und Europaangelegenheiten, und Frauke Untied von den Hamburger Öffentlichen Bücherhallen mussten ihre geplante Diskussionsteilnahme leider absagen.

Innerhalb des dbv besteht seit längerem Uneinigkeit über die Frage, wie mit dem Phänomen Populismus umzugehen sei und ob es nötig sei, als Verband und als Bibliothekar*innen öffentlich Stellung zu beziehen. Aus diesem Grund hoffen die Veranstalter mit der Podiumsveranstaltung eine Diskussion innerhalb der bibliothekarischen Community anzustoßen.

Den Hauptteil der Veranstaltung bildete eine Podiumsdiskussion in drei Themenblöcken. Dabei wurde sehr viel Raum für Fragen und Interaktionen mit dem anwesenden Fachpublikum eingeräumt.

Zunächst wurde der inhaltliche Rahmen abgesteckt: Was ist eigentlich Populismus? Zwei kurze Einführungsreferate führten an das Diskussionsthema heran. Thomas Gill erläuterte die Grundzüge von Theorie und Ausprägungen des Populismus. Dabei und in der anschließenden Diskussion machte er sich für eine differenzierte Herangehensweise im Umgang mit Populist*innen stark: „mit wem reden wir, in welchem Kontext und über was?“ Populisten seien nicht zwangsläufig Extremisten und in bestimmten Bereichen seien sachliche Auseinandersetzungen möglich und nötig, in anderen nicht.

Im Anschluss stellte Hannes Ley die von ihm gegründete Social-Media-Aktion #ichbinhier vor. Der Bürgerinitiative mit über 40.000 Mitstreiter*innen geht es darum, gegen Hass und Hetze im Internet vorzugehen, denn „wir als Bürgerinnen und Bürger müssen etwas tun für die Demokratie“.

Im zweiten Themenblock ging es um das Selbstverständnis und die Selbstverortung der Bibliotheken und Bibliothekar*innen gegenüber der erstarkenden Neuen Rechten. Dabei kreiste die Diskussion um den Spagat zwischen dem Neutralitätsgebot der Bibliotheken auf der Einen und dem Anspruch demokratiekompetenzfördernde Programmarbeit zu leisten auf der anderen Seite. Sowohl auf dem Podium, als auch im Plenum wurde keine abschließende einheitliche Position gefunden. Letztlich müsste jede Bibliothek prüfen, inwieweit beispielsweise die Aufnahme rechtspopulistischer oder rechtsextremer Publikationen für die Abbildung eines vollständigen Diskurses in den eigenen Bestand sinnvoll ist. „Restriktionen fördern den Populismus“ (Dr. Manuel Seitenbecher).

Den Abschluss bildete eine Publikumsfragerunde zu konkreten Problemen mit Erscheinungsformen des Rechtspopulismus in praktischen Beispielen aus dem bibliothekarischen Arbeitsalltag. Für die Veranstalter zeigte sich auch durch diese Veranstaltung, die Notwendigkeit die Diskussion über den Umgang mit (Rechts-)Populismus intensiv weiterzuführen und dabei auch über den Bibliotheksbereich hinauszuschauen.