Woran erkenne ich eine gute Bilderbuch-App?

Unsere digitalisierte Welt wirkt sich auch auf das Lernverhalten von Kindern aus. Speziell entwickelte Apps sollen die Lesewelt der Kleinsten aufregender machen und sie mit in eine virtuelle Realität nehmen. Elisabeth Baumann, Studentin an der HAW Hamburg, erläutert in ihrem Vortrag „APPgetaucht in digitale Leswelten – Woran erkenne ich eine gute Bilderbuch-App?“ Kriterien, die bei der Auswahl einer Bilderbuch-App beachtet werden sollten. Samantha Tirtohusodo von bibliotheksnews befragte sie zuvor zum Thema.

Bilderbuch-Apps

Bilderunterschrift: „Die große Wörterfabrik“ ergänzt das gleichnamige analoge Bilderbuch. Foto: bibliotheksnews/st

bibliotheksnews: Wie wurde deine Aufmerksamkeit auf das Thema „Bilderbuch-Apps“ gelenkt?

Elisabeth Baumann: Das war wohl am Ende meines Praxissemesters bei den Bücherhallen Hamburg. Dort gab es eine Informationsveranstaltung zu der tigerbooks-App, die dort für die Nutzer und Nutzerinnen eingeführt werden sollte. Diese App enthält viele verschiedene Bilderbücher, die digital aufbereitet und mit Interaktionsmöglichkeiten angereichert wurden. Ich fand das so toll, dass ich mich noch mehr mit Enhanced E-Books und Bilderbuch-Apps beschäftigen wollte. Mein Praktikum war zu diesem Zeitpunkt leider schon fast beendet und mein Praktikumsprojekt hatte ich bereits abgeschlossen. Sonst wäre es eine Überlegung wert gewesen, dort etwas mit Bilderbuch-Apps zu machen, zumal in der Stadtteilbücherhalle, in der ich war noch nichts mit Apps gemacht wurde.

Zum Glück konnte ich mein Wissen über Bilderbuch-Apps im nächsten Semester vertiefen. Auf dem Deutschen Bibliothekartag 2017 habe ich z. B. einen Workshop über App-Vorlesestunden von Frau Dr. Sigrid Fahrer von der Stiftung Lesen besucht. Dort wurde mir erst so richtig bewusst, wie viele Möglichkeiten Bilderbuch-Apps für Bibliotheken oder Schulen bieten und wie man sie für die Leseförderung von Kindern einsetzen kann.

Außerdem habe ich das Seminar „Digitale Lesewelten: Von den Bilderbuch-Apps zur Virtual Reality“ bei Frau Prof. Dr. Ute Krauß-Leichert belegt und dort viel Neues gelernt. Auf dem Deutschen Bibliothekartag 2018 werde ich die Ergebnisse dieses Seminars vorstellen. Wir haben uns dort mit Bilderbuch-Apps beschäftigt und diese selbst ausprobiert. Zudem haben wir uns Empfehlungslisten für Bilderbuch-Apps & Co. angesehen und diese bewertet. Des Weiteren haben wir Kriterien für gute Bilderbuch-Apps zusammengetragen, uns mit Zukunftsangeboten für Kinder und Virtual Reality auseinandergesetzt und Studien zur Medien- und Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen unter die Lupe genommen. Am Ende des Seminars sind Vermittlungskonzepte zu einzelnen Bilderbuch-Apps entstanden, die im Rahmen von Bibliotheksveranstaltungen durchgeführt werden können.

bibliotheksnews: Was findest du an dieser modernen Lern- und Unterhaltungsmethode so spannend?

Baumann: An Bilderbuch-Apps finde ich spannend, dass sie noch einen Mehrwert gegenüber dem normalen Buch bieten. Es gibt eine Vorlesefunktion, es gibt Interaktionsmöglichkeiten und es gibt oft auch kleine Spiele.

Heutzutage besitzt jeder Haushalt mindestens ein Smartphone und in vielen gibt es auch ein Tablet. Diese Geräte und auch Apps sind bereits Teil der Lebenswirklichkeit vieler Kinder geworden. Wenn ich mit der Bahn fahre, sehe ich z. B. häufig Kinder, die gerade mit dem Tablet oder dem Smartphone eines Elternteils beschäftigt sind. Ich finde, es ist wichtig, Kindern den richtigen Umgang mit diesen Geräten und Apps zu vermitteln. Daher sollten sich auch Bibliotheken stärker oder weiterhin damit auseinandersetzen. mit analogen Bilderbüchern und den Umgang mit Bilderbuch-Apps.

bibliotheksnews: Worauf sollte bei der Auswahl einer Bilderbuch-App geachtet werden? Welche Kriterien sollte eine App erfüllen?

Baumann: Im Seminar „Digitale Lesewelten: Von den Bilderbuch-Apps zur Virtual Reality“ haben wir uns genau damit beschäftigt. Wir haben Kriterien für gute Bilderbuch-Apps zusammengestellt, die bei der Auswahl einer App für Kinder helfen sollen. Die Kriterien werden den Hauptteil meines Vortrags auf dem Deutschen Bibliothekartag 2018 ausmachen und können in der Broschüre, die wir zum Seminar erstellt haben, nachgelesen werden. Um einen kleinen Ausblick zu geben, kann ich ja schonmal sagen, dass für uns wichtig ist, dass die App in einem pädagogischen Kontext wie z. B. einer Bibliotheksveranstaltung genutzt werden kann. Spaß und Lerneffekt sollten dabei ausgewogen sein und die interaktiven Elemente sollten sinnvoll in die Geschichte eingebunden sein. Ebenfalls wichtig ist der Inhalt. Es sollte eine spannende Geschichte sein, die dem Alter der Zielgruppe entspricht. Weitere Kriterien wären die Gestaltung der App, Sicherheit, Barrierefreiheit usw. Mehr dazu gibt es, wie gesagt, bei meinem Vortrag auf dem Deutschen Bibliothekartag 2018 oder in der Broschüre.

bibliotheksnews: Ist der Preis ein Merkmal für die Qualität einer Bilderbuch-App?

Baumann: Nein. Es gibt günstige oder sogar kostenlose Bilderbuch-Apps, die sehr gut sind, und es gibt teure Bilderbuch-Apps, die man einmal verwendet und dann nie wieder. Für die Qualität einer Bilderbuch-App sind andere Kriterien, z.B. die, welche ich zuvor genannt habe, wichtiger.

bibliotheksnews: Was sollte bei Kinderbuch-Apps vermieden werden?

Baumann: Eltern/Pädagogen/Bibliothekare sollten darauf achten, dass die App dem Alter des Kindes entspricht. Dem Kind sollten keine Inhalte präsentiert werden, die nicht für sein Alter angemessen sind. Es kann dann vorkommen, dass das Kind Dinge nicht versteht und schnell das Interesse an der App verliert. Wichtig ist auch, dass die App offline nutzbar ist, sodass das Kind nicht einfach ins Internet gelangen oder irgendwelche In-App-Käufe tätigen kann.

bibliotheksnews: Hast du eine Lieblingsbilderbuch-App? Was macht diese App für dich besonders gut?

Baumann: Meine Lieblingsbilderbuch-App ist „Die große Wörterfabrik“ vom mixtvision Verlag. Ich mag bereits das analoge Bilderbuch von Agnès Lestrade und Valeria Docampo sehr gerne. Es ist einfach eine bezaubernde Geschichte, die zu Herzen geht. Es geht darin um einen Jungen namens Paul, der in einem Land lebt, in dem man Wörter kaufen und sie schlucken muss, damit man sprechen kann. Leider ist Paul sehr arm und kann so Marie, dem Mädchen, in das er verliebt ist, nicht sagen, was er empfindet. Glücklicherweise nimmt die Geschichte ein gutes Ende. Mich berührt die Geschichte sehr stark. Als ich das Bilderbuch zum ersten Mal gelesen habe, habe ich mich sofort darin verliebt.

Ich finde, die Bilderbuch-App stellt eine gute Ergänzung zum analogen Bilderbuch dar. Die Interaktionen sind größtenteils sinnvoll in die Geschichte eingebunden, es gibt kleine Spiele, die alles ein wenig auflockern. Die Botschaft des Buches wird dadurch nicht in den Hintergrund gerückt, sondern bleibt erhalten. Die App hat zudem einen angenehmen Sound, die Illustrationen wurden ansprechend digital aufbereitet und man kann die App sehr gut in einem pädagogischen Kontext nutzen. Es macht Spaß, die Geschichte neu zu entdecken!