Ausbildung 4.0 und die Auswirkungen auf Ausbildung, Universal Design und Integration

Die Veränderung von Berufen durch die Digitalisierung der Arbeitswelt verändert die Ausbildung, das Universal Design und die Integration in Bibliotheken. Deshalb ist das Jahresthema des Berufsverbands Information Bibliothek e.V. (BIB) für 2017/2018 „Arbeit 4.0 – agil arbeiten in Bibliotheken“, das in drei Vorträgen auf dem Frankfurter Bibliothekartag diskutiert wurde.

Von Freya Anders

Die veränderten Berufsfelder beeinflussen auch die bibliothekarische Ausbildung, führte Moderatorin Marina Betker, Mitglied der Kommission des BIB, in die Veranstaltung ein. Dabei beschränke sich Ausbildung 4.0 nicht nur auf die Ausbildung vor dem Berufseinstieg, betont die Stellvertretende Leiterin der Bibliothek der Hochschule für Gesundheit in Bochum, sondern beziehe sich auch auf Fortbildungen der Mitarbeiter im Sinne des lebenslangen Lernens.

Die Ausbildungsverantwortliche des Büchereiverband Österreichs (bvö), Susanne Tretthahn, gab mit „Neue Wege in der Ausbildung“ einen Überblick über die Entwicklung und Inhalte der modernisierten Ausbildung für Bibliothekarinnen und Bibliothekare. Diese Ausbildung gehöre in Österreich zu den zentralen Aufgaben des Büchereiverbandes, erklärte Tretthahn, die auch als Referentin für bibliothekarische Fortbildungskurse am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung zuständig ist. Da im öffentlichen Bibliothekswesen in Österreich überwiegend ehrenamtliche und nebenberufliche Mitarbeiter tätig seien, sah der bvö die Notwendigkeit die Ausbildung der hauptberuflichen Bibliothekarinnen und Bibliothekare zu überarbeiten. Durch eine Umfrage wurden die Wünsche und Ansprüche der Studierenden an die Ausbildung ausgelotet. Die Inhalte der neuen Ausbildung wurden mit internationalen Standards abgeglichen und in „einem weiteren Workshop die Inhalte den Modulen zugeordnet“. In der grundlegenden Beschreibung der Module wurden alle geforderten Kompetenzen eingearbeitet. Die Ausbildung bestehe zunächst aus Grundausbildung, die von allen Studierenden durchlaufen wird. In den Vertiefungen teilt die Ausbildung sich in den mittleren und den gehobenen Fachdienst, so dass die Ausbildung je nach Ebene zwei bis zweieinhalb Jahre dauert. In der Vertiefungsphase sei die Möglichkeit zur individuellen Schwerpunktsetzung gegeben. Die Studierenden könnten beispielsweise die Module „Öffentlichkeitsarbeit“, „Literatur & Medien“ oder „Zielgruppen“ belegen.  Abschließend gab Tretthahn den Ausblick auf die zukünftige Überarbeitung der Ausbildung für ehrenamtliche und nebenberufliche Bibliothekarinnen und Bibliothekare.

Olaf Eigenbrodt und Sharon Bostick erkäuterten das „Universal Design und Bibliotheken: Eine transatlantische Perspektive“. Der Leiter der Hauptabteilung Benutzerdienste und Baubeauftragter an der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky und die Dekanin der Bibliotheken vom Illinois Institute of Technology Chicago gaben zusammen auf Englisch einen Einblick in das Konzept Universal Design und die Umsetzung in verschiedenen Bibliotheken. Universal Design sei Design für jeden in der Gesellschaft zugänglich zu machen. Die Barrierefreiheit solle kein Zusatz, sondern Teil des Konzepts sein. Das Konzept habe einen ganzheitlichen Anspruch und Zugänglichkeit solle ohne Verringerung der Standards erreicht werden. Im Gegensatz zum traditionellen Design, bei dem der Fokus auf der Funktionalität für die Mehrheit der Nutzer läge und spezielle Arrangements für besondere Bedürfnisse getroffen würden, solle beim Universal Design die Zugänglichkeit und Usability für so viele Menschen wie möglich gewährleistet werden. Spezielle Vorsorgemaßnahmen sollen nur getroffen werden, wenn sie unvermeidbar seien. Dieses Konzept sie in Deutschland bisher noch nicht sehr verbreitet.

Für Bibliotheken bieten sich einige Anwendungsbereiche für Universal Design. Zum Beispiel limitieren ausgedruckte Materialen für einige den Zugang und in öffentlichen Bibliotheken sei eine breite Vielfalt an Zielgruppen vorhanden. Doch traditionell werde meist die „one size fits all“ Lösung angewendet. Doch Bibliotheken haben auch einige Vorteile, wenn sie ein Universal Design umsetzen wollen. Denn Bibliothekare seien gewohnt mit den Bedürfnissen unterschiedlicher Nutzer zurecht zu kommen und haben einen starken Servicegedanken der Gesellschaft gegenüber. Sie stellen jedem Informationen zur Verfügung und haben früh Technologie verwendet. Jedoch werde Universal Design bisher in den Standards und Richtlinien für Bibliotheken nicht erwähnt.

An verschiedenen Beispielen aus Bibliotheken rund um die Welt zeigten Eigenbrodt und Bostick abwechselnd gelungene und fehlende Umsetzung von Universal Design. Außerdem gingen die Vortragenden näher auf Bereiche, wie den Zugang zum physischen und digitalen Beständen, zum Informationstresen oder zum Selbstverbucher, ein, bei denen Universal Design Anwendung finden sollte. Bostick schloß mit den Worten: „We try to make accessibility an opportunity for libraries, not a problem!“.

Marwa Malki (links) und Britta Schmedemann (rechts) beantworten Fragen des interessierten Publikums, Foto: bibliotheksnew/fa

Britta Schmedemann und Marwa Malki von der Stadtbibliothek Bremen sprachen über „Geflüchtete als KollegInnen: Zukunftschance Ausbildung in der Stadtbibliothek Bremen“. Zu Beginn stellte die Zielgruppenbeauftragte Britta Schmedemann die Stadtbibliothek Bremen und ihre Zweigstellen vor und ging dann näher auf die Diversity-Strategie der Bibliothek ein. Diese Strategie entwickelte die Stadtbibliothek 2010 und wurde fest im Leitbild und Auftrag verankert. Als Maßnahmen werden interkulturelle Trainings für alle Mitarbeiter angeboten und die Stabsstelle der Zielgruppenbeauftragten wurde eingerichtet. Das Ziel sei „Gesellschaft stärker im Team der Stadtbibliothek widerzuspiegeln“, erklärte Schmedemann. Für diese Strategie bekam die Stadtbibliothek Bremen 2015 den Diversity Preis verliehen.

Marwa Malki begann in der Stadtbibliothek im Rahmen der Einstiegsqualifizierung und absolviert aktuell dort die Ausbildung zur Fachangestellten für Medien und Informationsdienste. Die Einstiegsqualifizierung (EQ) ist die Ausbildungsofferte der Freien Hansestadt Bremen für junge Geflüchtete und wurde 2014 ins Leben gerufen. Das Ziel der EQ sei, durch ein Jahr Einarbeitung in die anschließende dreijährige Ausbildung einzustegen und diese mit Abschluss zu beenden, um idealerweise unbefristet übernommen zu werden. Dadurch wäre die Integration in den ersten Arbeitsmarkt gelungen. Die Teilnehmer verbringen ihre Zeit im Betrieb, in der Berufsschule sowie im Deutschunterricht und bekommen ausbildungsbegleitende Hilfen. In der Bibliothek werde die EQ zwischen dem Serviceteam, der Zielgruppenarbeit und allgemeiner Arbeit in der Bibliothek aufgeteilt, erläuterte Malki. Für die Zielgruppenarbeit seien die EQ-ler beispielsweise bei Bibliotheksführungen, Kooperationstreffen, Übersetzungsarbeiten oder zweisprachigen Kinderveranstaltung von Nutzen. Aber nicht nur die EQ-ler hätten bisher viel gelernt, betont Schmedemann. Die Mitarbeiter der Bibliothek würden durch die EQ-ler persönlicher kommunizieren und bekämen ein besseres Verständnis für Kundenbedürfnisse. Die EQ-ler seien mit hoher Motivation dabei, arbeiten mit hohem Druck, sehr kollegial und brächten interkulturelle Kompetenz und kulinarische Leckereien mit. „Die Sprachkenntnisse der EQ-ler sind eine große Bereicherung für uns!“, ermutigte Britta Schmedemann die Anwesenden zum Schluss ihres Vortrags.