Vortragsreihe zu Multikulturalität, Interkulturalität und Internationalität

Eine bunte Ansammlung von sechs Vorträgen ergab sich unter der Überschrift „Multilingual, Interkulturell, International“.  Von der interkulturellen Kompetenz für Bibliothekare, dem „Bundesfreiwilligendienst Welcome“ und der Zugänglichkeit zu Bibliothek durch Einfache Sprache ging es über in die Vorstellung einer mehrsprachigen App, weiter zu  einem Erfahrungsbericht wie Sprachlernschülerinnen Literatur entdecken und endete schließlich mit der Vorstellung des nationalen Bibliothekssystems Costa Ricas. Moderiert wurde die Vortragsreihe von Sabine Homilius, Leiterin der Stadtbücherei Frankfurt am Main.

Von Amelie Büscher und Theresa Joest

Den Anfang machte Yilmaz Holtz-Ersahin. Er ist Leiter der interkulturellen Bibliotheksarbeit und Lektor für fremdsprachige Literatur und Geschichte bei der Stadtbibliothek Duisburg.
Zu Beginn seines Vortrages stellte er die aktuelle Situation in Deutschland anhand von einigen Statistiken des Statistischen Bundesamtes vor. Diese Daten seien wichtig, damit Bibliothekare identifizieren können, mit welchem potentiellen Kundenstamm sie rechnen können. Man müsse diese Angaben, vor allem die der Herkunftsländer, aber immer differenziert betrachten, da es auch viele staatenlose Völker, wie z.B. die Kurden und Belutschen gibt. Diese besitzen eigene Identitäten und wollen auch als diese gesehen und behandelt werden.
Des Weiteren führte er aus, dass soziale Gruppen durch das Umfeld, in dem sie leben, geprägt würden. Deswegen ist die Integration in einer großen Diaspora, d.h. in einem Gebiet in dem eine nationale oder religiöse Minderheit lebt, erschwert und oft nicht so ausgeprägt. Als Bibliothek kann man dagegen wirken und auch den Menschen aus diesem Umfeld Werte und Normen, wie sie in Deutschland vorherrschen, näherbringen. Dafür müsse man z.B. Kindermedien, die sich mit Geschlechtergerechtigkeit oder Menschenrechten auseinandersetzen, anschaffen. Somit können die Kinder aus diesen Medien demokratische Ansichten kennen und verstehen lernen.

Am Ende seines Vortrages erläuterte Holtz-Ersahin  die interkulturellen Angebote der Stadtbibliothek Duisburg. Beispielsweise führt er sogenannte Demokratie-Führungen durch, bei denen er die Teilnehmer mit Migrationshintergrund direkt mit Tabuthemen aus ihrer Heimat konfrontiert und ihnen Bücher und andere Medien zu diesen Themen präsentiert. Er ist der Meinung, dass man ihnen Themen wie Meinungs- und Pressefreiheit aufzwinge müsse, damit sie sich damit beschäftigen. Man müsse sie manchmal einfach ins kalte Wasser schubsen.

Zusätzlich zu diesen Angeboten betreibe die Stadtbibliothek  soziale Bibliotheksarbeit, bei der sie u. a. auch beim Ausfüllen von Formularen und Anträgen helfe.

Abschließend stellte Holtz-Ersahin heraus, dass die Medien und die Öffentlichkeit nicht nur Negativbeispiele, sondern auch positive Beispiele für gelungene Integration in den Fokus rücken sollten.

Yilmaz Holtz-Ersahin, Foto: bibliotheksnews/ab

Weiter ging es mit Christoph Gärtner, der seit 2009 bei den Bücherhallen Hamburg in der Abteilung „Interkulturelle Dienste und Sprachen“ tätig ist und dort u. a. auch Ansprechpartner für das Programm „Bundesfreiwilligendienst Welcome“ ist. Begleitet wurde er von Ahmad Alkhatib, der neben Rajaa Elshreef, einen Bundesfreiwilligendienst in den Bücherhallen ableistet. Beide haben in ihrer Heimat Bibliothekswesen studiert und unterstützen die Mitarbeiter tatkräftig.

Zu Beginn des Vortrages stellte Christoph Gärtner kurz das besondere Bewerbungsverfahren für den Bundesfreiwilligendienst vor. Die Stellenausschreibung wurde zum einen auf der Website der Bücherhallen veröffentlicht und zum anderen an ganz viele Multiplikatoren in den verschiedene Stadtteilen weitergegeben, damit die passenden Bewerber auf die Ausschreibung aufmerksam werden. So hat auch Ahmad Alkhatib durch eine Mitarbeiterin seiner damaligen Unterkunft von der Stelle erfahren.

Nach der Vorstellung des Verfahrens und dem Weg zu den beiden BFDlern stellte Ahmad Alkhatib seine Aufgaben in der Zentralbibliothek der Bücherhallen vor. Diese Aufgaben sind vielfältig und von Führungen in arabischer Sprache bis zu der passenden Medienauswahl, Übersetzungen kleinerer Texte und Veranstaltungen für Kinder, wie Märchenvorlesungen ist alles dabei.

Am Ende des Vortrages stellte Christoph Gärtner den Mehrwert sowohl für die BFDler als auch für Kunden und Betrieb der Bücherhallen in den Vordergrund, die auch für andere öffentliche Bibliotheken ein Anreiz zur Einführung sein kann. Die BFDler haben neben einem kleinen Taschengeld und einer Krankenversicherung auch einen Einstieg in das Berufsleben in Deutschland und können ihre eigenen Deutschkenntnisse verbessern.

Zusätzlich sind sie als Kulturvermittler da, und können sowohl die interkulturelle Perspektive der Kunden als auch die der Mitarbeiter erweitern und Sprachbarrieren abbauen.

Ahmad Alkhatib und Christoph Gärtner (von links nach rechts) , Foto: bibliotheksnews/ab

Birgit Knust ist Diplom-Bibliothekarin bei der Stadtbücherei Frankfurt am Main und u. a. für die Medienvermittlung zuständig. Begleitet wurde sie von Roswitha Kopp, die ebenfalls von der Stadtbücherei Frankfurt am Main und dort für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.
Am Anfang des dritten Vortrages wurde der politische Wille der Stadt Frankfurt am Main betont, der auch die Motivation hinter der Einführung der „Einfachen Sprache“ war. Die Idee, die dahinter stand, lautete: „Frankfurt will von allen verstanden werden, auch von Menschen mit Lernschwierigkeiten oder geringen Deutschkenntnissen“. Dementsprechend will die Stadtbücherei Frankfurt barrierefreie Informationen für u. a. Deutschlernende, für Menschen mit Lernbehinderungen und für ältere Menschen anbieten. Es wurde sich speziell auf den Einsatz von „Einfacher Sprache“ und nicht für „Leichte Sprache“ geeinigt, da diese ein Mittelweg zwischen Standardsprache und „Leichter Sprache“ bietet, eine größere Zielgruppe erreichbar macht und keine inhaltliche sondern eine sprachliche Vereinfachung bedeutet.

Die Stadtbücherei Frankfurt hat zu Anfang einen Willkommensflyer in „Einfacher Sprache“ produzieren lassen und bietet inzwischen auch Führungen in „Einfacher Sprache“ an. Diese Führungen kommen gut an und sie bekommen positive Rückmeldungen. „Das wichtigste bei den Führungen ist es, langsam und deutlich zu sprechen“, betonte Birgit Knust.
Als Unterstützung der Übersetzung hat sich die Stadtbücherei an die Firma capito gewendet. Capito hat sich auf das Gestalten und das Texten von leicht verständlichen Informationen spezialisiert.

Bei der Arbeit mit capito wurde mit zwei Prüfgruppen gearbeitet, die die Texte beurteilen sollten. Es wurde einmal von nicht Muttersprachlern und einmal von Menschen mit Lernbehinderung geprüft.

Zum Abschluss wurde noch ein Ausblick auf weitere Projekte gegeben, die in der Stadtbücherei anstehen. Es sollen zum einen weitere Werbemittel in „Einfacher Sprache“ produziert werden und zum anderen soll es Fortbildungen für die Service-Mitarbeiter in der Bibliothek geben.

Als vierte Vortragende kam Janina Hempel von den Bücherhallen Hamburg an die Reihe. Seit 2013 ist sie eMedienkoordinatorin bei den Bücherhallen im Bereich Internetportal und Digitale Dienste. Sie stellte den Zuhörern die App „Hello Hamburg – The Newcomer’s Handbookvor. Diese wurden von den Bücherhallen und der Firma AudioGuideMe, in Kooperation mit der Hamburger Volkshochschule und Elbkinder, Hamburgs größter Kita-Träger entwickelt.

Die App stellt die Angebote der beteiligten Institutionen per Audio-Dateien vor und  erläutert die Nutzungsbedingungen, das Ganze möglichst niedrigschwellig und in fünf  verschiedenen Sprachen. Mit Hilfe der App soll der Zugang zu den Organisationen erleichtert und Sprachbarrieren abgebaut werden. So sollen gerade Flüchtlinge und Zuwanderer von den Angeboten der Bücherhallen erfahren. Zum aktuellen Stand berichtet Janina Hempel , dass die App 1397 Mal herunter geladen  wurde  (Stand Februar 2017) und dass die Stadtteilbibliotheken mit iPads ausgestattet wurden, auf denen die App verfügbar und abspielbar ist. Ihren Vortrag beendet sie mit der Aussicht, dass das Sprachangebot der App um weitere Sprachen, z. B. Türkisch und Französisch erweitert werden soll.

Janina Hempel , Foto: bibliotheksnews/tj

Lena Grether arbeitet in der Stadtbibliothek Hannover und ist seit 2012 im Sachgebiet Kinder- und Schulbibliotheksarbeit für Leseförderprojekte zuständig. In ihrem Vortrag berichtet sie von dem Projekt „Sprachlernschülerinnen entdecken Literatur“, das die Stadtbibliothek Hannover 2015 und 2016 durchgeführt hatte.

An dem Projekt hatten 16 Mädchen, die Sprachlernklassen an berufsbildenden oder allgemeinbildenden Schulen besuchten, teilgenommen. Sie kamen aus zehn verschiedenen Ländern und waren im Alter von 16 bis 19 Jahren.

Das Projekt  war dazu da, die sprachlichen Fähigkeiten und sozialen Kompetenzen der Schülerinnen zu stärke. Außerdem sollen Vorbehalte zwischen deutschsprachigen Kindern und Jugendlichen und den Sprachlernschülerinnen durch Kontakt abgebaut werden und die Sprachlernschülerinnen sollen ebenso die Stadtbibliothek Hannover kennenlernen, erklärt Lena Grether. Dafür wurden die Sprachlernschülerinnen aktiv in die Programmplanung der Stadtbibliothek Hannover zum niedersächsischen Sommerferienleseprogramm JULIUS CLUB einbezogen. Um mit der Planung gut zurechtzukommen, bekamen sie Grundkenntnisse zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und zur Veranstaltungsorganisation vermittelt. Mit diesen Kenntnissen organisierten sie  eine Koch-Veranstaltung. Begleitend beschäftigten sich die Sprachlernschülerinnen mit der Lektüre von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ in leichter Sprache und machten gemeinsam einen Ausflug nach Weimar.

Im Jahr 2017 soll die Einbindung von Sprachlernschülerinnen in den JULIUS-CLUB fortgesetzt werden.

Lena Grether , Foto: bibliotheksnews/ab

Die Vortragsreihe endete mit einem kleinen Ausflug nach Übersee. Carmen Madregal gab einen Einblick in die Bibliothekslandschaft Costa Ricas. Sie kommt vom nationalen Bibliothekssystem SINABI (Sistema  Nacional de Bibliotecas). Dies ist ein Programm des Ministeriums für Kultur und Jugend Costa Ricas und Leitungsgremium für die Entwicklungspolitik der Öffentlichen Bibliotheken, eine Art Dachverband, sowie der Nationalbibliothek Costa Ricas.
SINABIs Serviceeinrichtungen haben es sich zum Ziel gesetzt, die Chancengleichheit zu fördern und die Informationsdemokratie zu garantieren.

In Costa Rica gibt es 58 Stadtbüchereien, 33 staatliche und 25 halbstaatliche, erzählt Carmen Madrega  Die Bibliotheken seien zwar klein, besonders im Vergleich zu der Stadtbücherei Frankfurt am Main, aber sehr gemütlich. Es gibt auch Bücherbusse, die in ärmere Regionen fahren, in denen keine Bibliotheken zugegen sind. Marketing betreibt SINABI u. a. mit Flyern und Postern, ist bei Facebook vertreten und hat eine eigene Website. Außerdem ist SINABI auf internationalen Buchmessen vertreten. Es gibt Programme zur Leseförderung für Kinder von null bis fünf Jahren, zur ganzheitlichen Jugendentwicklung und zum Heranführen von Erwachsenen an die Öffentlichen Bibliotheken.

Zum Abschluss ihres Vortrages lädt Carmen Madregal die Zuhörer noch einmal zu einem Besuch nach Costa Rica und in die Bibliotheken ein.

Carmen Madregal, Foto: bibliotheksnews/ab