Citizen Science im Bibliothekswesen

Citizen Science bekommt in der heutigen Zeit einen immer größeren Stellenwert. Tausende Wissbegierige sammeln Daten zu Themen, die sie interessieren. Dabei ist es egal, ob es sich um hauptberufliche Wissenschaftler oder ehrenamtliche Hobbyforscher handelt – die Faszination und Neugier ist es, die sie verbindet und zu gemeinschaftlichen Projekten antreibt. Ziel ist es, einen Teil zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen beizutragen.

Gibt es eine Möglichkeit Citizen Science in die Bibliothekswelt zu integrieren? Die angehende Bibliothekswissenschaftlerin Eva Bunge (Stellvertretende Leiterin der Bibliothek des Deutschen Museums) hat sich während ihres Referendariats mit dem Thema „Citizen Science in der Bibliotheksarbeit“ auseinandergesetzt und mit ihrer Masterarbeit einen der drei diesjährigen „b.i.t.online Innovationspreise“ gewonnen. Roman Falkenberg hat sie im Vorfeld der Verleihung für bibliotheksnews interviewt.

 

Die frisch gebackene Preisträgerin Eva Bunge, Foto: bibliotheksnews/rf

bibliotheksnews: Was hat Sie zum Thema Citizen Science inspiriert?

Eva Bunge: Ich habe an der ETH Zürich Physik studiert. Einer der dortigen Professoren ist Mitbegründer von Galaxy Zoo, dem Vorläufer von Zooniverse. Das ist heute die weltgrößte Citizen-Science-Plattform. Das Konzept war mir also schon aus dieser Zeit bekannt und hat mich auch damals schon fasziniert. Die Wissenschaft ist oft durch enge personelle Ressourcen eingeschränkt, während viele Menschen ein Interesse an wissenschaftlicher Forschung haben und sich teils auch gerne ehrenamtlich beteiligen würden. Citizen Science scheint ein guter Weg, um diese beiden Gruppen zusammenzubringen und dabei gleichzeitig auch das Verständnis von Forschung an sich, von Vorgehensweisen und Prinzipien, weiter zu verbreiten.

Als ich mein Referendariat begann, waren mir also schon einige wenige Citizen-Science-Projekte mit Bibliotheksbeteiligung bekannt. Beim Eintauchen in die Bibliothekswelt sind mir dann immer wieder verschiedene Anknüpfungspunkte zu Citizen Science ins Auge gefallen: Zum Beispiel müssen oft Bestände bearbeitet und erschlossen werden, für die das vorhandene Personal einfach nicht ausreicht. Dies sind auch Arbeiten, bei denen Menschen oft nicht ohne weiteres von Computern ersetzt werden können, da eine inhaltliche intellektuelle Leistung nötig ist. Auch die Zielgruppen sind ähnlich – insbesondere wissenschaftliche Bibliotheken nehmen ja oft eine Vermittlerrolle zwischen wissenschaftlicher Information und Öffentlichkeit ein, die das Prinzip von Citizen Science sehr gut widerspiegelt. In meiner Masterarbeit habe ich also untersucht, wie gut diese beiden Welten – Bibliothekswesen und Citizen Science – zusammenpassen und welchen Gewinn beide Seiten daraus ziehen können.

bibliotheksnews: Wie könnte ein exemplarisches Citizen Science Projekt im Bibliothekswesen aussehen? Welche neuen Angebote resultieren?

Bunge: Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, da Citizen-Science-Projekte sehr heterogen sind und sich in ihren Zielsetzungen sehr stark unterscheiden können. Einige Projekte zielen vor allem darauf ab, einen gewissen Untersuchungsgegenstand vollständig zu untersuchen und zu beschreiben, also eine genau abgegrenzte Menge an Daten möglichst vollständig zu erheben. Andere Projekte möchten wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen und messen ihren Erfolg an der Zahl wissenschaftlicher Publikationen. Wieder andere Projekte haben auch die Sensibilisierung der Bevölkerung zu einem bestimmten Thema (zum Beispiel Umweltschutz) zum Ziel. Hier würde der Erfolg auch an der Anzahl Freiwilliger gemessen.

Allgemein sollte ein gutes Citizen-Science-Projekt für alle Projektbeteiligten, seien es Freiwillige, Forschende oder die Bibliothek, einen Mehrwert bieten. Beispielsweise kann die Bibliothek von einer besseren Erschließung ihrer Bestände profitieren. Die Forschenden erhalten dadurch zusätzliche Daten für ihre Arbeit und die Freiwilligen erhalten die Gelegenheit an einem Projekt mitzuwirken, das sie interessiert und das ihnen Spaß macht. Allen gemeinsam sollte sein, dass durch das Projekt ein kontinuierlicher Dialog zwischen den Beteiligten entsteht, der gegenseitiges Interesse und Verständnis weckt.

bibliotheksnews: Welche Voraussetzungen müssen Bibliotheken schaffen, wenn sie Citizen Science in ihre Bibliotheksarbeit integrieren wollen?

Bunge: Vor allem ist eine Bereitschaft nötig, sich längerfristig auf ein solches Projekt einzulassen. Wie jedes andere Vorhaben auch bedingt es eine Vielzahl von Arbeiten: Vor- und Nachbereitung, Datenpflege, Schaffung einer Infrastruktur, Kommunikation mit den Projektpartnern und vor allem auch die nachhaltige Interaktion mit den Freiwilligen. Dies ist übrigens ein Punkt, den man auf keinen Fall vernachlässigen sollte. Um einen der Interviewpartner meiner Masterarbeit zu zitieren: „Engaging with the community may be easy, but keeping the community engaged is not…“ Es ist also einfach, das Interesse der Freiwilligen zu wecken. Es über eine lange Projektlaufzeit aufrechtzuerhalten kann aber sehr schwierig sein. Dafür braucht es kontinuierliche Anstrengungen sowie eine gut durchdachte Strategie für Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation.

Die Erfahrung zeigt, dass das erstmalige Aufsetzen eines Citizen-Science-Projekts sehr langwierig und aufwendig sein kann (aber nicht sein muss). Wenn dieses erste Projekt allerdings gestemmt ist, dann können nachfolgende Projekte von den bereits vorhandenen Infrastrukturen profitieren und gehen dann auch viel leichter von der Hand. Hier lohnt sich also ein langer Atem durchaus.

bibliotheksnews: Bedeutet das personellen Mehraufwand? Welche weiteren Nachteile sind denkbar?

Bunge: Aus den Ausführungen zur letzten Frage wird schon deutlich, dass ein gewisser personeller Mehraufwand während aller Phasen des Projekts absolut notwendig ist. Ich würde dies allerdings nicht unbedingt als Nachteil ansehen, da man ja auch einen entsprechenden Gewinn erzielt. Ein möglicher Nachteil ist dagegen, dass man bereit sein muss, die Kontrolle über seine Daten in einem gewissen Maße aufzugeben. Es wird immer Freiwillige geben, die die Anleitung nicht lesen, sie missverstehen oder Details vergessen. Das liegt in der Natur der Sache und muss akzeptiert werden. Teilweise kann dem entgegengewirkt werden, indem Validierungsmaßnahmen und Methoden zur Qualitätskontrolle in die Datenverarbeitung eingebaut werden. Eine strikt genormte und komplexe Datenstruktur wie man sie aus bibliothekarischen Regelwerken kennt, wird man jedoch nicht erreichen können.

Ein weiterer Punkt ist die Tatsache, dass man den Erfolg eines solchen Projekts nie garantieren kann. Selbst wenn man ein faszinierendes Thema findet, sich komplexe Kommunikationsstrategien überlegt und alles genau durchplant – wenn sich nicht genug Freiwillige für das Projekt interessieren, dann wird man auch keine Fortschritte erzielen. Die Möglichkeit eines Scheiterns ist jedoch bei jedem Projekt aus dem ein oder anderen Grund gegeben, Citizen Science oder nicht, und sollte deshalb kein alleiniger Grund sein, diese Herangehensweise abzulehnen.

bibliotheksnews: Gibt es bereits Bibliotheken, in denen Citizen Science ein fester Bestandteil der Bibliotheksarbeit ist bzw. signalisiert wird, diesen neuen Weg in Zukunft zu gehen?

Bunge: Aus meiner Masterarbeit sind mir zwei solcher Bibliotheken bekannt: Die New York Public Library (NYPL) und die Biodiversity Heritage Library (BHL). Bei letzterer handelt es sich um ein Konsortium wissenschaftlicher und Spezialbibliotheken, die ihre digitalen Bestände gemeinsam im Internet präsentieren. Die BHL verwendet schon seit Jahren Crowdsourcing und Citizen Science, um ihre Bestände inhaltlich zu erschließen und mit besseren Metadaten zu versehen. Zurzeit läuft zum Beispiel ein Projekt namens Science Gossip, in dem Abbildungen in wissenschaftlichen Zeitschriften identifiziert, erschlossen und getaggt werden. Die Aktivitäten der BHL in diesem Bereich sind vollständig durch Drittmittel finanziert. Solange aber Mittel eingeworben werden können, werden diese Projekte weiterverfolgt werden, da die Bibliothek insgesamt schon sehr gute Erfahrungen damit gemacht hat.

Die NYPL hat ebenfalls schon langjährige Erfahrung mit Crowdsourcing und Citizen Science. Die Herangehensweise wird dort als ein Werkzeug unter vielen angesehen, dass sich bereits bewährt hat und bei geeigneten Projekten zum Einsatz kommt. Unter anderem werden in einem Projekt namens Building Inspector historische Landkarten von New York City von Freiwilligen erschlossen. Dieses Projekt ist Teil einer größeren Strategie, die Kartensammlung als Zugang zu den anderen Beständen der Bibliothek zu nutzen. So sollen verschiedenste historische Dokumente der Bibliothek, zum Beispiel alte Zeitungen, Branchenverzeichnisse, Fotos oder Theaterprogramme mit den Orten auf den Karten verknüpft werden, um so ein umfassendes Bild des Lebens in New York zu verschiedenen Zeitpunkten zu erhalten. So soll eine Art ‚Zeitmaschine‘ entstehen, die neue Möglichkeiten historischer Forschung eröffnen soll.