„Digitale Lesemedien haben ihren Platz gefunden“

Dr. Sigrid Fahrer ist Leiterin des Entwicklungsbereichs „Digitales Lesen“ bei der Stiftung Lesen. Die Stiftung Lesen beschäftigt sich intensiv mit digitalen Medien und dem digitalen (Vor)Lesen, da unter anderem interaktive Kinderbuch-Apps ein enormes Potential für die Leseförderung bieten. Auf dem 106. Bibliothekartag in Frankfurt am Main bietet Sigrid Fahrer einen Workshop zum Thema „Vorlesen mit Kinderbuch-Apps“ an. Nadia-Vera Niemann hat sie vorab für bibliotheksnews interviewt.

Dr. Sigrid Fahrer mit der App „David Wiesner’s Spot“ auf dem iPad. Foto: bibliotheksnews/nvn

bibliotheksnews: Was hat Sie dazu motiviert, eine Veranstaltung zum Thema „Vorlesen mit Kinderbuch-Apps“ auf dem Bibliothekartag durchzuführen?

Dr. Sigrid Fahrer: Die Stiftung Lesen hat sich intensiv mit der digitalen Vorlesepraxis beschäftigt und dazu ein Dossier „Vorlesen mit Apps“ veröffentlicht, das in enger Zusammenarbeit mit den Bibliotheken entstanden ist. Das kostenlose Downloadmaterial bietet einen Überblick zum Thema und erläutert u. a. die Auswahl der passenden App über die Einbindung der interaktiven Elemente beim Vorlesen bis hin zu rechtlichen Fragen. Ergänzend werden Best-Practice-Beispiele aus Bibliotheken vorgestellt. Zudem hat die Stiftung Lesen jetzt Ideen und Ablaufpläne für Vorlesestunden mit sechs verschiedenen, interaktiven Geschichten-Apps zusammengestellt, die den Einstieg ins Vorlesen mit Apps erleichtern. Sehr gerne möchten wir weitere Bibliotheken für dieses Thema begeistern und die Kollegen und Kolleginnen anregen, selbst digitale Vorlesestunden durchzuführen. Im Workshop wird deshalb ganz praktisch vermittelt, wie eine solche Veranstaltung durchgeführt werden kann.

bibliotheksnews: Welche Herausforderungen und Chancen ergeben sich durch den Einsatz von Kinderbuch-Apps in Bibliotheken?

Fahrer: Vorlesestunden mit Apps ermöglichen es Bibliotheken, ihr Veranstaltungsportfolio in Richtung digitale Medien zu erweitern und damit neue Zielgruppen zu erreichen. Gerade Kinder, die eher mit digitalen Medien als mit Büchern aufwachsen, bieten diese interaktiven Apps Zugänge zu Geschichten. Und auch Eltern sind dankbar, wenn sie im Rahmen von App-Vorlesestunden Informationen zu guten Kinderbuch-Apps und zur familiären Vorlesepraxis mit dem Tablet erhalten. Um eine solche Veranstaltung anzubieten, müssen natürlich technische Voraussetzungen wie Geräteausstattung und Präsentationsmöglichkeiten erfüllt sein. Außerdem sollten rechtliche Bedingungen der App-Vorführung mit dem Verlag geklärt werden. Dann braucht es nur noch eine begeisterte Vorleserin oder Vorleser, damit der Funke überspringt.

bibliotheksnews: Wie wählen Sie eine geeignete Kinderbuch-App für ein Projekt mit Kindern aus?

Fahrer: Es gelten zunächst dieselben Auswahlkriterien wie beim Kinderbuch: Welche Themen interessieren meine Zuhörerinnen und Zuhörer? Für welche Altersgruppe lese ich vor? Hier sollten Sie aber nicht auf die Altersangaben in den App-Stores vertrauen, sondern besser pädagogischen Empfehlungen folgen bzw. sich selbst einen Eindruck verschaffen. Darüber hinaus gibt es für App spezifische Punkte, die zu beachten sind. Dazu gehört, dass die App möglichst frei von Werbung sein sollte, auf externe Links z. B. zu Social Media verzichtet, kurze Ladezeiten hat und einfach zu bedienen ist.

bibliotheksnews: Welche Vorteile und Mehrwerte bieten Ihrer Ansicht nach das Vorlesen mit Kinderbuch-Apps gegenüber dem Vorlesen mit gedruckten Kinderbüchern?

Fahrer: Das Besondere an den Geschichten-Apps sind interaktive Elemente wie Animationen, Geräusche, zusätzliche Textinformationen oder kleine Spiele. Im Idealfall sind diese interaktiven Elemente sinnvoll in die Geschichte integriert und weisen einen engen Bezug zur Handlung auf. Sie können beim Lesen das Gefühl vermitteln, den Verlauf der Geschichte mitzubestimmen und ermöglichen ein hautnahes Miterleben. Diese emotionale Komponente ist in ihrer Bedeutung für das Lesen und für die Lesemotivation nicht zu unterschätzen. Leider ist dies nicht bei allen Apps der Fall. So gibt es Spiele, die eine Geschichte unterbrechen, oder Figuren, die, mit dem Finger angetippt, lediglich wackeln oder ein Quietschgeräusch von sich geben, ohne in einem Zusammenhang zur Geschichte zu stehen. Diese dekorativen Ornamente lenken ab und können dazu führen, dass sich Kinder schlechter an das Gelesene erinnern. Wir empfehlen deshalb, sich jede App gut anzusehen und zu überlegen, welche interaktiven Elemente beim Vorlesen eingebaut werden können.

bibliotheksnews: Wie bewerten sie die Zukunft des digitalen Lesens bzw. Vorlesens? Welche Zukunftsszenarien könnten Sie sich vorstellen?

Fahrer: Digitale Lesemedien haben ihren Platz gefunden und werden ergänzend zu Print genutzt. Werden sie das gedruckte Buch ablösen? Aktuelle Leserzahlen legen dies nicht nahe. Und auch unsere Studie zu Kinderbuch-Apps in der Familie zeigen, dass Eltern Kinderbuch-Apps gerne ergänzend zu Bilderbüchern einsetzen, z.B. auf Reisen oder beim Warten, aber in klassischen Vorlesesituationen, wie vor dem Einschlafen, nach wie vor lieber zum gedruckten Buch greifen.

bibliotheksnews: Sie haben beruflich sehr viel mit Kinderbuch-Apps zu tun. Haben Sie eine Kinderbuch-App, die Ihnen persönlich am Besten gefällt?

Fahrer: Ich bin ein großer Fan der App „David Wiesner’s Spot“. Sie kommt ganz ohne Text aus und entführt in ganz fantastische und skurrile Welten, die die Fantasie ungemein anregen und zum Erfinden eigener Geschichten animieren.

Die App „David Wiesner’s Spot“ im Einsatz, Foto: bibliotheksnews/nvn