Medienangebote für junge Menschen in Haft und Arrest

Wie können jugendliche Häftlinge in einer Justizvollzugsanstalt an Medien herangeführt werden? Diese und weitere Fragen stellten sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion am Mittwoch.

von Silke Fuchs (redaktionelle Bearbeitung: Gerhard Peschers)

v.l.n.r.: Susanne Brandt, Ulrike Schönherr, Gerhard Peschers, Brigitte Kröger, Rainer Skrzyppek, Foto: bibliotheksnews/sf

v.l.n.r.: Susanne Brandt, Ulrike Schönherr, Gerhard Peschers, Brigitte Gröger, Rainer Skrzyppek, Foto: bibliotheksnews/sf

Zu Beginn der Podiumsdiskussion begrüßte Gerhard Peschers, Leiter der Gefangenenbücherei der JVA Münster, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Gefangenenbüchereien in der Sektion 8 des DBV und Vorsitzender des Fördervereins Gefangenenbüchereien e.V., die Podiumsteilnehmer(innen) sowie Gäste in dem überfüllten kleinen Raum und stellte den Werdegang der Veranstaltung dar zu einem bislang in der bibliothekarischen Fachöffentlichkeit nicht gezielt behandelten Thema.

Da der vorgesehene Podiumsteilnehmer Karl-Heinz Bredlow – Jurist, ehemaliger Leiter der Jugendvollzugsanstalt Iserlohn – kurzfristig verhindert war, fasste Herr Peschers dessen Recherche zur aktuellen Gesetzesbasis der Büchereiangebote im Jugendvollzug in Deutschland im Wesentlichen zusammen. Dabei ist mit zu beachten, dass es deutschlandweit nur vier hauptamtliche Bibliotheksfachkräfte für das Gefangenenbüchereiwesen gibt: in Münster, Köln, Hamburg und Bremen. Nur die Hälfte der Bundesländer hat in seinem Jugendstrafvollzugsgesetz das Büchereiangebot ausdrücklich verankert. Dabei handelt es sich meist um unscheinbare Formulierungen. Das Jugendstrafvollzugsgesetz in Nordrhein-Westfalen gibt ein positives Beispiel. Alles in allem fehle ein animierender, legislativer Anstoß um die Forderungen der UN-Resolution 45/113 in innerstaatlich verbindliches Recht umzusetzen. Dort wird in Ziffer 41 gefordert, dass in jeder freiheitsentziehenden Einrichtung für Jugendliche eine benutzerorientiert aufgebaute Bücherei angeboten werden soll und die Insassen zu deren Nutzung animiert werden sollen. Einige Bundesländer formulieren dies entsprechend in ihren Jugendstrafvollzugsgesetzen.

Brigitte Gröger, Praktikantin in der Fachstelle Gefangenenbüchereiwesen bei der Justizvollzugsanstalt Münster und Studentin der Bibliotheks- und Informationswissenschaften an der HTWK Leipzig im 5. Semester, hatte sich kurzfristig auf Bitten der übrigen zur Mitarbeit als Podiumsteilnehmerin bereit erklärt. Sie stellte heraus, wie wichtig es sei, Veranstaltungsarbeit wie zum Beispiel einen Book-Slam in Gefängnisbibliotheken durchzuführen. Ebenso wichtig für die jugendlichen Häftlinge seien Leseförderung und der kreative Umgang mit Medien. Sie hatte Veranstaltungsmöglichkeiten anhand des Fachbuchs zur Leseförderung in öffentlichen Büchereien von Susanne Brandt und (der ebenfalls im Publikum anwesenden) Frau Prof. Keller-Loibl zusammengestellt. Doch leider stoße man hierbei immer wieder an personelle, zeitliche und finanzielle Grenzen im Justizvollzug.

„Das System kann man nur erleben, aber nicht beschreiben“, warf Rainer Skrzyppek, Diplom-Pädagoge in der Justizvollzugsanstalt Herford, ein. Für Außenstehende sei es schwierig, das System einer Justizvollzugsanstalt zu verstehen. Es gebe sehr viele Regeln, die zu beachten sind. Die Klientel jugendlicher Inhaftierter habe oft eine Schulbildung der 7.-8. Klasse und seien vielfach Schulabbrecher, die bislang unerfahren und wenig interessiert am Lesen seien. Er stellte die Büchereisituation von 2006 und 2016 in der JVA Herford gegenüber, um deren Entwicklung zu verdeutlichen. Die Betreuung der Bücherei durch einen Freizeitpädagogen habe zu einer deutlichen qualitativen Verbesserung und effektiveren Nutzung des Büchereiangebots durch die Inhaftierten in der JVA Herford geführt, bemerkte Herr Peschers.

Susanne Brandt, Lektorin bei der Büchereizentrale Schleswig-Holstein in Flensburg und Autorin, sowie Ulrike Schönherr, Teamleiterin in der Kinder- und Jugendbücherei der Stadtbücherei Münster, lieferten das fachliche Bibliothekswissen aus der Praxis von Stadtbibliotheken in der Podiumsdiskussion. Ulrike Schönherr betonte, dass in den Bibliotheken der Justizvollzugsanstalten in der Regel keine ausgebildeten Bibliothekare und Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste arbeiten. Dies liege vor allem daran, dass die Umsetzung von Gefängnisbibliotheken in Deutschland von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich gehandhabt werde und der Etat viel zu gering sei. Es sei aber dringend viel mehr Fachpersonal nötig. Laut Rainer Skrzyppek könnte ein ergänzender Weg für die Zukunft die Beschäftigung von Ehrenamtlichen im Gefangenenbüchereiwesen sein.

Als Fazit zogen die Teilnehmer die folgenden Punkte: Forderung nach Personal, besseren Bestandsaufbau, die Vermittlung von Medienkompetenz, Kooperation zwischen Justizvollzugsanstalten und den jeweiligen Stadtbibliotheken, sowie Fortbildungsangebote für interessierte Büchereibetreuer im Justizvollzug. Etwas ganz Elementares für das Bibliothekswesen in Gefängnissen müssen Bibliothekare aber selbst mitbringen, ergänzte Gerhard Peschers: „Man braucht auch gute Nerven, Fantasie und Humor.“