Willkommenskultur – Praxis I

In drei Vorträgen wurden Praxisbeispiele für die Arbeit mit Flüchtlingen in Bibliotheken vorgestellt.

von Silke Fuchs

Die Vortragenden, v.l.n.r.: Anne Barckow, Anja Flicker, Christa Maria Mennerich, Foto: bibliotheksnews/sf

Die Vortragenden, v.l.n.r.: Anne Barckow, Anja Flicker, Christa Maria Mennerich, Foto: bibliotheksnews/sf

Seit 1,5 Jahren steht in den Bücherhallen Hamburg die interkulturelle Bibliotheksarbeit im Fokus. Es wurde eigens die Arbeitsgruppe „Flüchtlingsprojekte“ gegründet. In dieser AG sind Mitarbeiter aller Bereiche involviert. Anne Barckow, Leiterin der Abteilung für Interkulturelle Dienste, Sprachen und Pädagogik in der Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg und Mitglied in der dbv-Kommission für Interkulturelle Bibliotheksarbeit griff in ihrem Vortrag drei wichtige Aspekte für die Flüchtlingsarbeit in den Bücherhallen Hamburg heraus: Kundenkarten, Medien und das Kollegium. „Unser Ziel war es, Flüchtlingen Räume zu öffnen“, sagte Anne Barckow zur Ausstellung der kostenlosen Online-Karten für Flüchtlinge. Die Bücherhallen wollten so die Flüchtlinge in die Bibliotheken einladen, ihnen das Lernen vor Ort, den Austausch, den Zugriff auf Wlan und das große elektronische Medienangebot ermöglichen. Seit Oktober 2015 gibt es zusätzlich die Möglichkeit, drei physische Medien auszuleihen, da viele Flüchtlinge diesen Wunsch geäußert haben. Aktuell sind die Bücherhallen auf der Suche nach einem Nachfolge-Modell für die Online-Karten. In Kooperation mit der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration sollen die Kosten für die ersten sechs Monate des Bibliotheksausweises übernommen werden und daraufhin ein Übergang in kostenpflichtige Karten stattfinden. So soll eine neue Kartenkategorie entstehen.

Anja Flicker, Leiterin der Stadtbücherei Würzburg, nahm John Stanmeyers preisgekröntes World-Press-Foto als Einleitung für ihren Vortrag. Flüchtlinge halten ihre Handys in die Luft, um Netz zu erreichen. Das Foto kann als Motivation genommen werden, um den Flüchtlingen in Bibliotheken den Zugang zu Informationen zu ermöglichen. Seit dem 1. Juni 2015 gibt es in der Stadtbücherei Würzburg eine Stelle mit der Bezeichnung „Angebote für besondere Zielgruppen und digitale Medien“. 60 Prozent der Zeit stehen für die Arbeit mit Flüchtlingen zur Verfügung. Die Philosophie versteht sich wie folgt: Die Menschen sollen sich in der Bibliothek möglichst schnell wohlfühlen. Sie sollen sich nicht wie in einer Behörde fühlen, sondern es soll ein positiver Ort sein.
Die Bibliothek hatte eine Vielzahl von Ideen: Deutsch-Café, Medienboxen für Unterkünfte, Living Library, Vorlesestunden für Kinder, Medien zum Deutschlernen und Lesetraining. Am Ende haben sie sich für gar keine dieser Ideen entschieden, sondern erst einmal wurden die Ansprechpartner und Kontaktpersonen vor Ort nach dem Bedarf befragt. „Ehrenamtliche sind einziger und bester Zugang zu den Flüchtlingen“, sagte Anja Flicker. Sie merkte an, dass die Stadtbücherei zurzeit zu passiv agiere und hier noch Handlungsbedarf bestehe. Am Ende gab sie dem Publikum folgenden Satz mit auf den Weg: „Keep calm and carry on!“

Informationen zur Asylothek sind im bibliotheksnews-Post von 2015 zu finden. Mittlerweile gibt es 48 Asylotheken in Deutschand. Christa Maria Mennerich von der Asylothek Dingolfing-Landau stellte in ihrem Vortrag das Konzept der Asylothek mit besonderem Augenmerk auf die Asylothek Dingolfing-Landau vor. Sie warf den Begriff Integrationsmanagement in den Raum, welchen sie schon fast als einen neuen Berufsweg bezeichnen würde. Es ist wichtig, einen Raum zu finden, in dem sich die Flüchtlinge treffen können, die Verantwortlichen untereinander zu koordinieren und Arbeitstreffen zu organisieren. Hierfür sollte eine Person verantwortlich sein. „Nur durch soziale Kontakte kann Integration stattfinden. Wir müssen uns da verbinden, wo wir die gleichen Leidenschaften und Interessen haben.“ Mit dieser Aussage beendete Christa Maria Mennerich ihren Vortrag.