Wissenschaftliche Bibliotheken 3.0

Neue Informations- und Kommunikationstechnologien beeinflussen immer öfter und schneller die Art und Weise wie Bibliotheken ihre Dienstleistungen anbieten. Welche Auswirkungen auf das Kerngeschäft der Bibliotheken kann das digitale Zeitalter haben?

Von Jenny Krieger

Moderator Dr. Ewald Brahms (Mitte) mit den Vortragenden bei

Moderator Dr. Ewald Brahms (Mitte) mit den Vortragenden bei „Wissenschaftliche Bibliotheken 3.0“: Dr. Sebastian Stoppe, Kirsten Jeude, Petra Keidel und Dr. Michael Knoche (von links), Foto: bibliotheksnews/jk

Massive Open Online Courses (MOOCs), hybride Bestände, der Fachinformationsdienst (FID) Medien- und Kommunikationswissenschaft und strategische Planung bildeten die Themenbereiche der Session „Wissenschaftliche Bibliotheken 3.0“ auf dem Bibliothekartag 2015.

Dr. Michael Knoche, Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, beschäftigte sich mit der Frage, inwieweit wissenschaftliche Bibliotheken noch einen Sammelauftrag haben. In Forschungsgebieten, wo es auf höchste Geschwindigkeit und Passgenauigkeit ankommt, bieten E-Only-Strategien ein hohes Potenzial. Doch das Angebot an elektronischen Publikationen hat mit der dauerhaften Verfügbarkeit und Vielfältigkeit zu kämpfen. Es sei an der Zeit, einen von den Bibliotheken selbst zu aktualisierenden, eindeutigen Sammelauftrag für analoge und digitale Medien zu formulieren. Bibliotheken kommen dabei nicht umhin, eine klare Position gegenüber den STM-Verlagen einzunehmen.

Mit dem Ende der Förderung der Sondersammelgebiete fand bei der Literatur- und Informationsversorgung für die Fachdisziplinen ein Transformationsprozess statt. Dr. Sebastian Stoppe von der Universitätsbibliothek Leipzig stellte den bisherigen Arbeitsstand des FID Medien- und Kommunikationswissenschaft vor. Das neue System der FID adrl.link bietet eine zentrale Suche mit Angeboten für Monographien über PDA, bereits vorhandene Bestände, E-Books, Zeitschriftenaufsätze und Open Access-Repositorien. Der FID wird auf den Spitzenforschungsbedarf zugeschnitten und nur für Forschende der Fachcommunity durch eine Registrierung zugänglich sein. Bei den Verhandlungen um die FID-Lizenzen bleiben Verlage und Datenbankanbieter zurückhaltend. „Ein siebenstelliges Angebot für anderthalb Jahre ist nicht zumutbar“, so Stoppe.

Im Zuge der Wissenschaftlichen Bibliotheken 3.0 geht es auch um Massive-Offene-Online-Kurse, sogenannte MOOCs, als potenzielles Bibliotheksfeld. Kirsten Jeude, wissenschaftliche Dokumentarin an der ZBW – Leibniz Informationszentrum Wirtschaft, referierte über MOOCs und eigene Erfahrungen. Jeude sieht die Rolle der Bibliotheken eher als Partner von Hochschulen, die MOOCs durch ihre Infrastrukturen und Fachwissen unterstützen. Der hohe Kosten- und Ressourcenaufwand für die Produktion hemmt die Innovationswelle von MOOCs in Deutschland. „Der typische Teilnehmer ist noch männlich, besitzt einen Hochschulabschluss, einen Arbeitsplatz und stammt aus den USA“, zitiert Jeude aus einer Studie.

Dem Thema der strategischen Planung widmete sich im letzten Vortrag die Hochschulbibliothek Wildau mit dem erarbeiteten Strategiepapier „Agenda 2020“. Petra Keidel zeigte, wie durch die Reflektion der Bibliotheksarbeit auf die strategische Ausrichtung ins Jahr 2020 neue Arbeitsmethoden geschaffen wurden. Alltagserfahrungen der Bibliothek werden vernetzt und übertragen. Neben einer Campus App UNIDOS mit Buchscanner und neuen Nutzungsszenarien von Tablets als Campusführer wird bei der Umsetzung der Agenda auch die nachwachsende Generation im Blick behalten.

Die neuen Wege bekamen breiten Zuspruch aus dem Publikum. An das Suchportal adrl.link lautete eine Frage: „Was ist mit unkonventionellen Objekten wie audiovisuellen Quellen?“. Dr. Stoppe antwortete, dass man sich auf Dauer nicht davor verschließen könne, und verwies auf eine Prüfung der Erweiterbarkeit. Auch das Interesse an den MOOCs war groß. Aus dem Publikum kam sogar eine Aufforderung zum Ausprobieren aufgrund eigener positiver Erfahrungen. Die wissenschaftlichen Bibliotheken werden sich auch in der Version 4.0 den Herausforderungen des digitalen Wandels stellen müssen und ihre Kernkompetenzen dementsprechend anpassen.