Bilderbücher und Visual Literacy in Bibliotheken

Bettina Schröder wurde für ihre Bachelorarbeit „Bild(er)leser wissen mehr!“ auf dem 104. Bibliothekartag mit dem b.i.t.online-Innovationspreis ausgezeichnet. Die Absolventin des Studiengangs Bibliotheks- und Informationsmanagement an der HAW Hamburg hat darin Bilderbücher als Vermittler von Visual Literacy sowie deren Einbindung in bibliothekarische Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche untersucht. Nicole Gageur hat sie für bibliotheksnews in Nürnberg getroffen.

b.i.t.online-Innovationspreisträgerin Bettina Schröder, Foto: bibliotheksnews/ng

Bettina Schröder wurde auf dem Bibliothekartag 2015 mit dem b.i.t.online-Innovationspreis ausgezeichnet, Foto: bibliotheksnews/ng

bibliotheksnews: Herzlichen Glückwunsch zum b.i.t.online-Innovationspreis! Was versprechen Sie sich persönlich von der Auszeichnung für Ihre Arbeit?

Bettina Schröder: Es ist eine schöne Würdigung all der Zeit und Arbeit, die ich investiert habe, und es ist für mich besonders wichtig, dass die Thematik durch die Veröffentlichung der Fachöffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Die Vermittlung von Visual Literacy war und ist mir eine echte Herzensangelegenheit. Ich habe die Hoffnung, dass die eine oder andere innovativ arbeitende Öffentliche Bibliothek die von mir entwickelten Handreichungen zur Erstellung von Bildkompetenzveranstaltungen ausprobiert.

bibliotheksnews: Was ist das Besondere, das Neue am Konzept von Visual Literacy?

Schröder: Das Konzept von Visual Literacy ist nicht wirklich neu. Der Begriff wurde schon in den 1960er Jahren in den USA geprägt. Aber der Gedanke, in Deutschland zu versuchen, was in den USA schon geschieht, ist neu. Damit meine ich, Bildkompetenz als weitere wichtige Kulturtechnik neben der klassischen Literalität zu erkennen und diese systematisch zu vermitteln. Amerikanische Public Libraries engagieren sich bereits in diesem Bereich, in deutschen Öffentlichen Bibliotheken ist das Konzept weitestgehend unbekannt und wird noch mit einiger Skepsis betrachtet. Natürlich können die meisten sehen, was auf einem Bild abgebildet ist. Ein wesentliches Merkmal von Bildkompetenz ist jedoch zu erkennen, wie wir durch Bilder manipuliert werden. Hier sind die meisten von uns – trotz zunehmender Bilderflut – zu wenig geschult.

bibliotheksnews: Was ergeben sich aus Ihrer Arbeit für Konsequenzen für Bibliotheksveranstaltungen wie Bilderbuchkino?

Schröder: Ich habe in meiner Bachelorarbeit gezeigt, dass deutsche Öffentliche Bibliotheken eine Menge Kompetenzen in die Waagschale werfen können, wenn es darum geht „Visual Literacy“ -Veranstaltungskonzepte zu entwerfen und durchzuführen. Eine davon ist, dass der Umgang mit Bildmaterialien im Rahmen von Veranstaltungen rund um das Bilderbuch heutzutage Routine ist. Es bedarf nur eines veränderten Fokus, um zum Beispiel aus einem klassischen Bilderbuchkino, in dem es um die Vermittlung von Lesekompetenz und -freude geht, eine Bildkompetenzveranstaltung zu machen. So gesehen würde ich sagen: die Konsequenz ist, das Bilderbuchkino mal neu zu denken – was nicht bedeuten soll, dass die klassische Variante obsolet ist.

bibliotheksnews: Wie sieht eine Bildkompetenzveranstaltung aus? Was wird da gemacht oder gesagt? Vielleicht können Sie zur Erläuterung für unsere LeserInnen ein oder zwei kurze Beispiele geben?

Schröder: Wie eine Bildkompetenzveranstaltung genau aussieht, ist immer der jeweiligen Bibliothek überlassen und hängt zum Beispiel von Faktoren wie Zeit- und Personalkontingent, Präferenzen der durchführenden Person, Bestand und den Zielgruppen ab. Genau um diese Flexibilität ging es mir, als ich, statt vorgefertigte Veranstaltungskonzepte anzubieten, meine „Handreichungen zur Entwicklung von Bildkompetenzveranstaltungen“ erstellt habe. Kern dieser Handreichungen ist die Methode „Bilderlesen in drei Schritten“ des Kommunikationswissenschaftlers Christian Doelker. Im ersten Schritt wird ermittelt, was das Bild dem jeweiligen Betrachter sagt, wobei sämtliche Assoziationen zugelassen sein sollten. Im zweiten Schritt, in dem eine Vielzahl von Bedeutungsebenen erschlossen werden können, geht es um die dem Bild innewohnenden Bedeutungen und im dritten Schritt schließlich „spricht“ der Bildautor selber zum Betrachter. Es können beliebig viele Bedeutungsebenen, die zu einem bestimmten Bilderbuch passen, aus den Schritten ausgewählt und zum Thema einer Veranstaltung gemacht werden.