Bibliotheks-Ethnographie in der Praxis

Im Rahmen des 103. Deutschen Bibliothekartags spricht Prof. Christine Gläser vom Department Information der HAW Hamburg über den Einsatz ethnographischer Methoden in der Nutzerforschung. Marisa Behne hat sie für bibliotheksnews interviewt.

Von Marisa Behne

bibliotheksnews: Frau Gläser, bitte stellen Sie die wichtigsten Punkte zur Bibliotheksethnographie heraus.

Christine Gläser: Bei der Ethnographie geht es darum, etwas zu beschreiben. Nachdem 2007 die Studie “Studying students: the Undergraduate Research Project at the University of Rochester” von Nancy Fried Foster und Susan Gibbons (University of Rochester http://www.rochester.edu/) veröffentlicht wurde, haben sich diese Methoden in der Bibliothekscommunity gut verbreitet. Das sind Methoden, die der qualitativen Sozialforschung zuzuschreiben sind. Diese steigen sehr stark in die Lebenswelten der Probanden ein, so dass man wirklich Feldforschung betreibt und dann in verschiedenen Formaten beschreiben kann, wie die Lebenswelt aussieht. Es kommt darauf an, möglichst nah an die Lebensweisen heran zu kommen und die Perspektiven der Probanden zu übernehmen. Das klingt jetzt ein wenig theoretisch, aber dies sind die wesentlichen Elemente. Es gibt auch eine große Auswahl an Methoden, und es werden immer neue erfunden. Das ist im Moment ein sehr kreativer Bereich.

bibliotheksnews: Wie denken Sie, können ethnographische Methoden helfen, das Angebot der Dienstleistungen in Bibliotheken nachhaltig zu verbessern?

Gläser: Das klassische Element ist eigentlich die Feldforschung. Dabei hat man typischerweise den Ethnologen vor Augen, der fremde Völker bereist. Das müssen wir auch tun, in gewisser Weise. Das was wir eigentlich als bekannt vermuten, müssen wir noch einmal als fremd ansehen. Wir müssen versuchen, uns wirklich zu öffnen und nochmal einen ganz neuen Blick darauf werfen. Das ist eigentlich etwas, was im Inneren abläuft. Wenn man sich diesen Methoden öffnet, wenn man diese Methoden ausprobiert, merkt man, dass sich Haltungen verändern und  sich das Verständnis  für die Nutzer öffnet. Man bekommt plötzlich ganz neue Einblicke und unerwartete Ergebnisse, die zu ganz neuen innovativen Ideen führen. Das ist die Chance, die wir haben.

bibliotheksnews: „Bibliotheken: Wir öffnen Welten“ ist das Motto des diesjährigen Deutschen Bibliothekartags. Wie passt ihr Vortrag in diese Thematik?

Gläser: Es ist eine innere Welt, die sich öffnet. Es sind diese verschiedenen Kulturen, Fachkulturen, Studierendenkulturen bzw. Zielgruppenkulturen, denen man sich nähert. Es sind, wenn man so will, neue Welten, bekannte Welten, auf die man neu blickt, aber eigentlich handelt es sich um eine innere Öffnung. Das was ich eben schon einmal nannte, ist wirklich eine Öffnung, bei der man einen Schalter umlegt. Dies kann dann wirklich zu ganz neuen Ideen und Vorschlägen führen.

Prof. Christine Gläser von der HAW Hamburg auf dem Bibliothekartag, Foto: bibliotheksnews/mb

Prof. Christine Gläser von der HAW Hamburg auf dem Bibliothekartag, Foto: bibliotheksnews/mb