Patron-Driven-Acquisition als Erfolgsmodell

Das kundengesteuerte Erwerbungsmodell Patron-Driven-Acquisition (PDA) wird zunehmend auch von deutschen Bibliotheken eingesetzt. Einer der diesjährigen b.i.t.online-Innovationspreise würdigt die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit PDA in der Bachelorarbeit von Lisa Maria Geisler, Absolventin des Departments Information der HAW Hamburg. In ihrer Studie „Nutzung des PDA-Modells – Eine empirische Studie zur Ausleihe von E-Books in der SLUB Dresden“ hat sie das Verhalten der Bibliothekskunden während der Nutzung des PDA-Modells analysiert hat. Sarah Ann Danker hat mit ihr für bibliotheksnews ein Interview über ihre Forschungsarbeit geführt.

Preisträgerin des b.i.t.online-Innovationspreises Lisa Maria Geisler, Foto: sd/bibliotheksnews

Lisa Maria Geisler, Preisträgerin des b.i.t.online-Innovationspreises 2014, Foto: sd/bibliotheksnews

Bibliotheksnews: Frau Geisler, können Sie uns kurz erläutern, was Patron-Driven-Acquisition (PDA) eigentlich ist?

Lisa Maria Geisler: PDA ist die Abkürzung für Patron-Driven-Acquisition und heißt auf Deutsch die kundengesteuerte Erwerbung. Dieses Erwerbungsmodell wird in Deutschland meist für E-Books eingesetzt. Hier geht die Kaufentscheidung nicht wie sonst von der Bibliothek aus, sondern vom Kunden. Die Medien werden erst erworben, wenn sie auch tatsächlich genutzt werden. Zunächst werden die Titeldaten der E-Books in den Katalog eingespielt und nur, wenn die Titel auch tatsächlich genutzt werden, entstehen Kosten für die Bibliothek. Das ist Kundenorientierung pur.

Bibliotheksnews: Warum haben Sie PDA als Thema der Bachelorarbeit gewählt?

Geisler: Im Rahmen meines Bachelorstudiums habe ich in einem Kurs zum Bestands- und Contentmanagement einen Vortrag über dieses Erwerbungsmodell gehalten. Der Vortrag hatte ein Zeitlimit, doch ich hätte noch stundenlang über das in Deutschland zu dem Zeitpunkt nur sporadisch genutzte, neue und interessante Erwerbungsmodell diskutieren können. So lag es nah, dass ich diese Thematik in meiner Bachelorarbeit vertiefte. Dabei konzentrierte ich mich darauf, die Nutzung der PDA-Modelle kundenorientiert zu untersuchen. Mich interessierte besonders der Aspekt, ob der zentrale Vorbehalt vieler Bibliotheken zutrifft, dass die Bibliothekskunden nur die kurzfristige Befriedigung von Informationsbedürfnissen im Sinn hätten und nicht die langfristige Bestandsentwicklung. Ich wollte diese Annahme durch meine Forschung widerlegen oder bestätigen und vor allem herausfinden, ob sich die Kunden ihrer Verantwortung überhaupt bewusst sind.

Bibliotheksnews: Das Motto des diesjährigen Bibliothekartags ist „Bibliotheken: Wir öffnen Welten“. Welchen Beitrag leistet PDA dazu?

Geisler: PDA kann bei guter Umsetzung eine hohe Kundenorientierung ermöglichen, da der zukünftige Bestand optimal an den Kundenbedürfnissen ausgerichtet wird. Denn Kunden kennen ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse am besten. Warum sollten sie nicht gezielt beteiligt werden, um den Bestand der Bibliothek konsequent auf ihre Vorstellungen, Erwartungen und Wünsche hin ausrichten? Mir ist jedoch während meiner Forschung aufgefallen, dass viele Kunden nicht wissen, was für eine entscheidende Rolle sie für die Bestandsentwicklung spielen, und dass die Bibliotheken nicht wissen, nach welchen Kriterien ihr künftiger Bestand ausgewählt wird. Es herrscht also auf beiden Seiten eine Unsicherheit, die abgebaut werden muss, um die Erfolge dieses Erwerbungsmodelles garantieren zu können. Eine stärkere Transparenz ist meiner Meinung nach ein Schritt in die richtige Richtung mit Kundenforschung auf der einen Seite und Aufklärung der Nutzungsbedingungen auf der anderen Seite. Dann kann PDA sogar Welten öffnen.

Bibliotheksnews: Inwiefern hat PDA Ihnen neue Welten eröffnet?

Geisler: Ich bin jedes Mal sehr stolz, wenn ich irgendjemandem erzählen kann, dass ich diese tolle Auszeichnung erhalten habe. Aber ich bin ebenso immer wieder erstaunt, wenn ich E-Mails von Fremden erhalte, die mir zu diesem Preis gratulieren. An die Situation muss ich mich erst noch gewöhnen. Es ist für mich eine große Ehre, dass meine Bachelorarbeit veröffentlicht wird und sie so nicht nur von meiner Erstbetreuerin Prof. Frauke Schade und meinem Zweitbetreuer Prof. Dr. Dirk Lewandowski, von meinen Kommilitonen und mir online gelesen werden kann, sondern nun auch der Öffentlichkeit in Printform zur Verfügung gestellt wird. Ich bin auch sehr auf die Resonanz auf dem Bibliothekartag gespannt. Ich studiere jetzt im 2. Semester des Masters „Medien, Information, Bibliothek“ an der HAW Hamburg und versuche, in möglichst vielen meiner Kurse einen Bezug zu PDA herzustellen. Da sich dieses Erwerbungsmodell zunehmend auch in Deutschland etabliert, ist es für mich wichtig, die aktuellen Entwicklungen im Blick zu behalten. Auch rückt nun mein Praxisprojekt immer näher, in dem ich mich auch weiter mit PDA beschäftigen möchte.

Lisa Maria Geislers Studie „Nutzung des PDA-Modells – Eine empirische Studie zur Ausleihe von E-Books in der SLUB Dresden“ kann über b.i.t. online bestellt werden.

Die Preisverleihung mit Podiumsdiskussion auf dem Innovationsforum 2014 findet am 5. Juni 2014 von 10:30 bis 12:30 Uhr im Salon Oslo auf dem Bibliothekartag 2014 in Bremen statt.