Mythos Fachinformationsdienste: Erwartungen der DFG

Bei vielen Bibliotheken herrscht Verwirrung und Unmut. Die im vergangenen Jahr eingeführten Förderanträge für Fachinformationsdienste (FID) von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) haben dazu geführt, dass erstmals eine hohe Zahl von Förderanträgen für wissenschaftliche Bibliotheken nicht bewilligt wurde. Dr. Christoph Kümmel ist Programmdirektor für die Gruppe „Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme“ der DFG und damit zuständig für die FID. Nicole Gageur hat ihn für bibliotheksnews zu den Problemen der FID-Förderung und den Erwartungen der DFG befragt.

Dr. Christoph Kümmel ist Programmdirektor Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme der DFG, Foto: bibliotheksnews/ng

Dr. Christoph Kümmel ist Programmdirektor Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme der DFG, Foto: bibliotheksnews/ng

bibliotheksnews: Warum sind im Verhältnis so viele Bibliotheken daran gescheitert, eine DFG-Förderung für ihre ehemaligen Sondersammelgebiete (SSG) zu erhalten?

Christoph Kümmel: Die verhältnismäßig hohe Zahl von abgelehnten Vorhaben in der ersten Antragsrunde hat mich auch überrascht. Sieben von zwölf Anträgen wurden abgelehnt. Das hätte ich vor Eingang der Anträge auch nicht erwartet. In einer ersten vergleichenden Problemanalyse hat sich auch der Ausschuss für Wissenschaftliche Bibliotheken und Informationssysteme damit befasst und zunächst festgestellt, dass jeder Antrag fair und sorgfältig begutachtet wurde. Die Ablehnungsgründe waren dabei jeweils individuell im Antrag begründet und keineswegs pauschal. Dennoch wurden typische gemeinsame Schwächen beobachtet: Zum einen war zur Vorbereitung der Anträge die Bedürfnislage der jeweils adressierten Scientific Communities zu wenig analysiert worden. Ziele und Arbeitsprogramm waren daher nicht nah genug an der Forschung. Zum anderen hatten sich einige Vorhaben unnötigerweise auf Aufgaben beschränkt, die sehr eng an dem ehemaligen Auftrag einer „vollständigen“ Erwerbung hingen, ohne dass dafür ausreichende Begründungen geliefert wurden. Kurzum: Der Mehrwert der Literatursammlung wurde für die Gutachterinnen und Gutachter nicht deutlich. Diese beiden Hauptgründe sind nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, da sie die beiden Fördergrundsätze des Programms betreffen. Es sollte aber auch erwähnt werden, dass in keinem Antrag alles ablehnungswürdig erschien; es kommt auch auf das Gesamtbild an. Und schließlich sollte auch nicht vergessen werden, dass den Bibliotheken die vollständigen Protokolle der Sitzung mit den Gutachterhinweisen vorliegen, und sie diese für eine mögliche Überarbeitung und Neueinreichung der Vorhaben nutzen können.

bibliotheksnews: Was raten Sie Bibliotheken, worauf müssen sie besonders achten, wenn sie ihr SSG zum FID entwickeln wollen?

Kümmel: Alles Wesentliche steht im Programmmerkblatt und in den Förderrichtlinien. Wenn es hier Verständnisprobleme gibt, stehe ich – und stehen meine Kolleginnen und Kollegen – jederzeit gerne für eine Beratung zur Verfügung. Mein erster Rat ist also: lesen und fragen. Da ich auch ständig beratend tätig bin, besteht hier auch ein reger Austausch. Viel wichtiger ist aber der weitere Dialog: mit anderen Bibliotheken, mit den Forscherinnen und Forschern, die von dem geplanten Angebot profitieren sollen. Konkretere Hinweise kann es kaum geben, denn das Kennzeichnende des Förderprogramms ist ja gerade die individuelle Ausrichtung der Angebote auf fachliche Besonderheiten. Da ist es geradezu leichtsinnig, „allgemeine“ Tipps zu geben.

bibliotheksnews: Finden Sie es richtig, dass es das SSG Buch-, Bibliotheks- und Informationswissenschaft nicht mehr gibt und die virtuelle Fachbibliothek b2i vor dem Aus steht? Warum ist das so?

Kümmel: Entschuldigen Sie bitte, aber meine Meinung ist hier ganz unerheblich. Natürlich gehen mir Förderentscheidungen zum Teil auch nah, aber es ist ein wichtiger Teil meines Berufs, Förderentscheidungen von der Begutachtung, über die Bewertung bis zur Entscheidung professionell zu betreuen, für Chancengleichheit und Anwendung der Förderkriterien zu sorgen. Das Sagen haben aber die Gutachterinnen und Gutachter sowie die Ausschussmitglieder. Das sind ausgewiesene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Bibliotheksexpertinnen und Experten und – im Fall des Hauptausschusses der DFG – zusätzlich Vertreterinnen und Vertreter aller Bundesländer und des Bundes. Sie können mir glauben, dass die Geschäftsstelle der DFG ihr Bestes für ein ordnungsgemäßes Verfahren tut. Die Entscheidungen sind aus meiner Sicht gut begründet und liegen in erster Linie an den Schwächen der vorgelegten Anträge. Das kommt aus meiner Sicht vielfach zu kurz: Die DFG bietet mit diesem Förderprogramm einen Rahmen. Die Umsetzung liegt aber bei den Bibliotheken. Häufig habe ich – auch heute auf dem Bibliothekartag – überraschenderweise gehört, dass die DFG das Fächerspektrum reduziere. Das geht an der Sache vorbei – es ist einfach so, dass nur überzeugende Anträge bewilligt werden können. Zur möglichen Fortführung der Virtuellen Fachbibliothek b2i ist ergänzend zu sagen, dass das Portal noch im alten Förderprogramm unter dem Einsatz hoher Fördermittel über Jahre aufgebaut wurde – mit der Vorgabe, es nachhaltig zu betreiben. Wenn die Bayerische Staatsbibliothek, die hier sehr viel Engagement gezeigt hat, das Angebot nun stoppen sollte, ist das – so fürchte ich – schwer zu verhindern. Ich weiß jedoch, dass gerade die Bayerische Staatsbibliothek hoch professionell arbeitet und sich eine solche Entscheidung nicht leicht machen wird. Auch in diesem Fall gibt es selbstverständlich die Möglichkeit, einen Antrag zu überarbeiten und das fertig aufgebaute Portal weiterzuentwickeln. Ich kann Ihnen daher nicht beantworten, warum das Angebot aufgegeben werden soll – wenn die Situation denn überhaupt so sein sollte.

Das Förderprogramm „Fachinformationsdienste für die Wissenschaft“ hat zum Ziel, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aller Fachrichtungen in Deutschland unabhängig vom Standort ihrer Tätigkeit einen möglichst schnellen und direkten Zugriff auf Spezialliteratur und forschungsrelevante Informationen zu ermöglichen. Weitere Informationen zum Förderverfahren finden Sie hier.