10,3 Thesen zur Lernraumgestaltung

Das Thema Lernraumbibliothek ist aktuell wie nie. Auch der 103. Bibliothekartag nimmt das Thema in vielen Beiträgen auf – Grund genug für 10,3 Thesen zur Lernraumgestaltung

Von Jens Ilg

Jens Ilg von der Universitätsbibliothek Rostock, Foto: bibliotheksnews/hh

Unser Gastautor Jens Ilg ist Fachreferent an der Universitätsbibliothek Rostock, Foto: bibliotheksnews/hh

Den Lernraum an einer Hochschulbibliothek zu gestalten heißt …

1. …es am besten partizipativ zu tun: Der aktive Einbezug Studierender und anderer Zielgruppen hilft nicht nur, Gestaltungsideen aufzuspüren. Partizipation hilft auch zu vermeiden, am Bedarf vorbei zu gestalten. Und nicht zuletzt: Partizipativ gefundene Lösungen schaffen häufig mehr Akzeptanz.

2. …den Lernraum ganzheitlich zu denken: Neben räumlichen und mobiliaren Aspekten besteht ein Lernraum an einer Hochschulbibliothek auch aus Supportservices wie zum Beispiel beratender, technischer Unterstützung, Verpflegungsinfrastruktur und E-Learning.

3. …Regeln aufzuerlegen: Geeignete Räume lassen sich schon dadurch schaffen, indem Regeln für bestimmte – und dann entsprechend zu deklarierende – Zonen definiert und vor Ort kommuniziert werden. Im Übrigen: Solche Regeln müssen nicht immer Bibliothekare durchsetzen, dass machen Nutzer häufig auch selbst.

4. …das Potenzial für Co-Nutzungen auszuloten: Lassen sich Räume, die bisher nur für Bibliothekspersonal vorgesehen waren, öffnen für Bibliotheksnutzer, wenn sie aktuell nicht benötigt werden? Das kann zum Beispiel der interne Besprechungsraum sein, der dann zugleich auch als studentischer Gruppenarbeits- oder Präsentationsraum geöffnet wird.

5. …sich zukunftssicher neu profilieren: Hochschulbibliotheken können sich entfernen von der Bestands- oder Content-Fokussierung. Hochschulbibliotheken sind heute weit mehr als Buch- oder Content-Bereitssteller, sie bieten als Alleinstellungsmerkmal Arbeitsplätze und Raum als Service, um sich dort Wissen anzueignen. Wird hier die Zukunft von Bibliotheken entschieden, nicht am Medienmarkt?

6. …Aufenthaltsqualität als strategisches Ziel zu setzen: Bücher benötigen Lärmschutz nicht, auch nicht kurze Wege zu WCs, auch keine Cafeteria oder Beratungsangebote. Grund genug, die Bedeutung der Investitionen in den Raum gleich zu stellen mit denen in die reine Literatur- und Informationsbeschaffung. Bereitstellung eines jährlichen Lernraumetats neben dem Erwerbungsetat?

7. …lernpsychologische Aspekte zu berücksichtigen: Die Wege des Lernerfolgs sind verschieden; jeder lernt anders: Wer möglichst viele Studierende mitnehmen will, wird verschiedene lernunterstützende Lernangebote ermöglichen: Es gilt als erwiesen, dass Lernen auch erfolgreich sein kann, wenn man sich dabei bewegt, wenn man den Stoff kritisch hinterfragt (was für Gruppenarbeit spricht) oder wann man dabei laut spricht.

8. …Nutzer-Kommunikation zu begrüßen statt als Feind wahrzunehmen: Nimmt man Lernraum ernst, akzeptiert man auch, dass Wissensaneignung über Austausch und Kommunikation funktioniert und dass Gruppenarbeit zum studentischen Hochschulalltag gehört, der nicht am Bibliothekseingang Halt macht.

9. …trotz möglicher künftiger Veränderungen die bestehenden Angebote an Lernraumanforderungen anzupassen: Auch wenn es gut möglich ist, dass sich das Studier- und Lernverhalten in den nächsten Jahren bedeutend ändern sollte, sollen unsere aktuellen Nutzer einen Anspruch auf passende Arbeits- und Lernbedingungen in der Bibliothek einfordern dürfen.

10. …Individualität zuzulassen: Das Lern- und Arbeitsverhalten ist in vielen Aspekten auch abhängig vom Studiengang: Zum Beispiel sind MINT-Fächer-Studierende deutlich mehr an Gruppenarbeitssettings interessiert als Geistes- und Sozialwissenschaftler. Ein Lernraumarrangemant für alle gleichermaßen geht am Bedarf vorbei.

Die 10,3. These ist eigentlich keine, es ist eher eine beobachtete Tatsache: Hochschulbibliotheken stellen sich diesem neuen Phänomen und Thema offen, analytisch, innovativ: Lernraumprojekte sind für uns immer auch Lernprojekte.