Wie Bibliotheken die Sicht auf die Welt erweitern

Der Verein Deutscher Bibliothekare (VDB) gehört zu den Veranstaltern des diesjährigen Deutschen Bibliothekartages. Jannika Grimm und Marisa Behne haben den VDB-Vorsitzenden, Dr. Klaus-Rainer Brintzinger, für bibliotheksnews interviewt.

Dr. Klaus-Rainer Brintzinger ist Vorstandsvorsitzender des Vereins Deutscher Bibliothekare, Foto: Brintzinger

Dr. Klaus-Rainer Brintzinger ist Vorstandsvorsitzender des Vereins Deutscher Bibliothekare, Foto: Brintzinger

bibliotheksnews: Wieso haben sich die Veranstalter des 103. Deutschen Bibliothekartags für das Motto „Bibliotheken: Wir öffnen Welten“ entschieden?

Klaus-Rainer Brintzinger: Mit diesem Motto wollen wir auf die wissensvermittelnde Funktion von Bibliotheken hinweisen. Bibliotheken öffnen in der Tat Welten. Das beginnt schon, wenn Kinder das erste Mal ihre Stadt- oder Gemeindebibliothek oder Bücherbusse besuchen und dabei in die Welt des Buches, aber auch der Medien eingeführt, mit dem Lesen und Zuhören vertraut gemacht werden. Bibliotheken öffnen Kindern eine Welt des Heranwachsens und des Kennenlernens der Welt.

bibliotheksnews: Gilt das auch für Erwachsene?

Brintzinger: Dies geht weiter bei Erwachsenen, für die Bibliotheken in so vielen Situationen den Weg in eine unbekannte Welt öffnen – ich denke hier an Hilfen zum Umgang mit IT-Tools oder bei Bewerbungen oder beim Erlernen von Fremdsprachen. Dies sind nur einige Beispiele, die beliebig ergänzt werden können. Ich habe vor ein paar Wochen die erschütternde Biographie von Jennifer Tege gelesen, der Enkelin des KZ-Kommandanten Amon Göth. Ihr wurde – wenn auch auf sehr schmerzhafte Art und Weise – in den Hamburger Bücherhallen die Welt ihrer eigenen Familiengeschichte geöffnet. Dies ist nun sicherlich ein sehr spektakuläres Beispiel. Ich selbst komme aus der Welt der wissenschaftlichen Bibliotheken und erlebe jeden Tag auf etwas weniger spektakuläre Weise, wie die Studierenden in unserer Bibliothek in eine ganz neue Welt eintauchen, die sie vorher nicht kannten – in die Welt der Wissenschaft und dass sich diese Welt ihnen nur mittels von Büchern, Zeitschriften und elektronischen Quellen aus unserer Bibliothek und anderen Bibliotheken öffnen kann. Aber natürlich wollten wir mit unserem Motto auch zum Ausdruck bringen, dass Bibliotheken immer weltoffen und offen für Neues sein müssen. Mit unserem Logo nehmen wir ja auch Bezug auf das Bremer Wappen – den Schlüssel – und Bremen steht ja auch mit seiner ganzen Geschichte für die hanseatische Offenheit und den Aufbruch zu neuen Welten.

bibliotheksnews: Welche Themen sind aus Sicht des VDB auf dem diesjährigen Bibliothekartag besonders innovativ?

Brintzinger: Bei knapp 270 einzelnen Vorträgen und weiteren Workshops und Arbeitssitzungen ist es etwas schwierig und wäre auch etwas unfair, wenn ich nun ein oder zwei Themen für besonders innovativ erklären würde. Der Bibliothekartag – und das ist ja seine Stärke – deckt ein großes Spektrum ab und richtet sich gleichermaßen an Öffentliche wie wissenschaftlich Bibliotheken, sowie an Spezialbibliotheken und weitere Informationseinrichtungen. Allerdings kann ich im Bereich der wissenschaftlichen Bibliotheken, in dem ich mich durch meine berufliche Tätigkeit am besten auskenne, schon erkennen, dass es bei den Einreichungen der Vorträge eine Konzentration auf bestimmte Themen gab, die zur Zeit ganz besonders in der Diskussion sind und sich nun auch in entsprechendem Gewicht im Programm widerspiegeln. Dazu gehört sicherlich die Einrichtung von Ressource Discovery Systems, das immer noch recht neue Feld der Publizierung von Forschungsdaten und die Langzeitarchivierung.

bibliotheksnews: Welche Entwicklungen werden in Bremen für Kontroversen sorgen?

Brintzinger: Eine sicherlich kontroverse Diskussion wird es bei zwei Themen geben, die mit der Förderpolitik der DFG in Verbindung stehen: zum einen die Umgestaltung der bisherigen Sondersammelgebiete zu Fachinformationsdiensten und zum anderen die Neuausrichtung der überregionalen Informationsservices. Und immer noch ganz neu und damit auch innovativ ist für uns alle das Regelwerk RDA, auf dessen Einführung wir uns derzeit alle vorbereiten.

bibliotheksnews: Der Bibliothekartag in Bremen beschreitet auch organisatorisch neue Pfade. Welche Innovationen erwarten die Besucherinnen und Besucher?

Brintzinger: Wir haben aber auch ein paar Innovationen bei der Organisation: So haben wir ein neues Format „Podiumsdiskussionen“ eingeführt, zum anderen haben wir beim „call for papers“ in diesem Jahr nur noch einzelne Beiträge, aber keine ganzen Blöcke mehr zugelassen. Diese Entscheidung ist natürlich nicht ganz unumstritten geblieben, aber sie erhöht eindeutig die Chance der Annahme von einzelnen Beiträgen und damit auch die Chance, dass nicht nur Mainstream-Themen auf dem Bibliothekartag verhandelt werden. Innovativ ist natürlich auch Ihr Projekt bibliotheksnews. Wir haben uns in diesem Jahr ganz bewusst dafür entschieden, die digitale Berichterstattung an ein studentisches Projekt zu geben und ich bin auf die bibliotheksnews sehr gespannt. Ich wünsche Ihnen schon heute viel Erfolg für die nächsten vier Tage!

Tipp: Die neue Open-Access-Zeitschrift des VDB wird am 5. Juni 2014 auf dem Deutschen Bibliothekartag in Bremen vorgestellt. Weitere Informationen finden Sie hier.