“Soziale Medien sind keine Spielzeuge”

Wie verändern sich Bibliotheken in der digitalen Gesellschaft? Nur wenige deutsche Branchenexperten berichten als Blogger so kenntnisreich wie Andreas Mittrowann über internationale Trends in Bibliotheken. Als Bibliothekarischer Direktor und Prokurist der ekz bibliotheksservice GmbH beschäftigt er sich mit zukunftsrelevanten Themen wie Bibliotheksentwicklung, Gesamthaus-Marketing, Wissensmanagement und bibliothekarischen Dienste. Sein internationales Bibliotheksblog Globolibro, das dem deutschen Fachpublikum Trends aus weltweiten öffentlichen Bibliotheken zur Kenntnis bringt, betreibt er privat seit 2006. Mit Lena Janz und Steffen Burkhardt hat er für bibliotheksnews über die digitalen Umbrüche in Bibliotheken gesprochen und verraten, wie das Bloggen seine Arbeit beeinflusst hat.

Die Bibliothek als "Ort der Aktivierung" - das Culinary Literacy Center, Foto: Free Library of Philadelphia

Die Bibliothek als “Ort der Aktivierung” – das Culinary Literacy Center, Foto: Free Library of Philadelphia

bibliotheksnews: Herr Mittrowann, viele Menschen halten Bloggen für Zeitverschwendung. Ihre Arbeit für Globolibro ist ein spannendes Beispiel, um diesem Vorurteil entgegenzutreten. Wie ist Ihr Blog entstanden und wie hat es Ihre Karriere beeinflusst?

Andreas Mittrowann: Das Bloggen hat meine berufliche Entwicklung begleitet. Vor meiner Zeit in der ekz habe ich in der Bertelsmann Stiftung gearbeitet und dort das Projekt „Internationales Netzwerk Öffentlicher Bibliotheken“ mit auf den Weg gebracht. Die Bertelsmann Stiftung hat 2003 beschlossen die Bibliotheksprojekte zu beenden und dadurch bin ich in den kommunalen Bereich gewechselt. Ich hatte das Bedürfnis, die Verbindung zur bibliothekarischen Welt zu halten. Es gab auch noch sehr viele persönliche Kontakte zu Kollegen aus anderen Ländern wie Neuseeland, Australien, Schweden und Kanada. Das sind alles sehr innovative Kollegen gewesen, die anfangs über einen klassischen E-Mail-Verteiler über Ihre Arbeit berichteten. Ich bekam E-Mails wie „Wir machen jetzt das“, „Wir fangen mit dem Thema digitale Medien an“ und „Wir haben jetzt einen Facebook-Auftritt“. Ich habe darüber nachgedacht, wie ich diese tollen, spannenden Informationen mit mehr Kollegen aus der deutschen Fachwelt teilen könnte und so das Thema „Blogging“ für mich entdeckt. Mein erster Eintrag war im Februar 2006 über eine Konferenz zu interaktiven Kinderbibliotheken im dänischen Aarhus. Als ich mich 2007 in Bewerbungsgesprächen bei der ekz vorgestellt habe, habe ich natürlich erwähnt, dass ich nebenbei blogge, und das wurde begrüßt. Das Blog Globolibro ist auch weiterhin ein Privatprojekt von mir. Ich betreibe es nicht im Auftrag der ekz. Die Zukunft der Bibliotheken ist für mich persönlich ein sehr wichtiges Thema. Wir befinden uns jetzt in der Phase, in der es um die Wurst geht: Wir erleben einen Paradigmenwandel in Bibliotheken. Das in meinem Blog zu begleiten, ist spannend, und führt dazu, dass ich als Blogger in andere Länder eingeladen werde, weil Institutionen über Globolibro auf mich als Redner zur Zukunft der Bibliothek aufmerksam werden. Manchmal bin ich aber gleichzeitig auch als Mitarbeiter der ekz auf denselben Konferenzen und so entstehen interessante Schnittmengen.

bibliotheksnews: Der Paradigmenwandel in Bibliotheken lässt sich vielleicht gut anhand eines aktuellen Blog-Eintrags auf Globolibro beschreiben, den Sie über ein Projekt der Free Library of Philadelphia verfasst haben: das Culinary Literacy Center. Inwiefern deutet es auf einen Transformationsprozess in Bibliotheken?

Mittrowann: Philadelphia hat im Juni in seiner Zentralbibliothek ein Kochcenter eröffnet – mit drei Öfen, 36 Kochplatten und 36 Sitzplätzen. Die Idee der Bibliothek, und das gefällt mir außerordentlich gut, ist die „Aktivierung“. Das Kochen ist eigentlich nur ein Weg um Menschen zusammenzubringen. Die Bibliothek dient zunächst nur als Ort. Es ist im besten Sinne des Wortes eine Experimentierküche, denn es geht um mehr als Kochen, zum Beispiel um Leseförderung. Der Gedanke der Bibliothek ist „Wenn ich kochen will, dann muss ich ein Kochbuch lesen können, dann muss ich Lösungskompetenz haben, ich muss Mathematikkenntnisse haben, es geht ja um Maßeinheiten…“ und so weiter. Das heißt, im Prozess des Machens lerne ich sehr viel und das ist einfach ein neuer Zugang der Bibliotheken. Wir wissen das ja auch von den FabLabs, von den Makerspaces und 3D-Druckern. Man lernt durch die Anwendung von Wissen.

bibliotheksnews: Verändert sich mit dem Kochen die Funktion der Bibliothek oder ist es dieselbe Funktion, die nur anders erfüllt wird?

Mittrowann: Ich glaube, dass sich die Funktion der Bibliothek verändert. Sicherlich sind auch viele Methoden neu. Es stehen uns Technologien zu Verfügung, die es vor 20 Jahren noch nicht gab. Es hat sicherlich schon immer die Funktion gegeben, dass eine Bibliothek auch ein Begegnungsraum ist. Das ist sicherlich seit tausenden von Jahren so. In der Bibliothek kommen Menschen wie in einem Museum aus einem bestimmten Interesse zusammen. Eine neue Rolle ist für mich, dass Bibliotheken sich in diesem Feld sozialer Begegnung gezielter engagieren. Es ist ja tatsächlich auch so, dass viele Informationen nicht mehr über Bücher reinkommen, sondern über andere Quellen, und die Frage ist eben auch: Wie verarbeite ich diese Information? Ich glaube, dass die Bibliotheken da eine ganz große Rolle spielen. Wir haben ja auch hier die Abstimmung am ekz-Stand zum Thema „Zukunftsrollen der Bibliotheken“. Als ein kundenorientiertes Unternehmen möchten wir von den Bibliotheken wissen, wo sie sich sehen. Es ist ja nicht unsere Rolle als Anbieter zu sagen: „Da geht es lang!“. Wir wollen das gemeinsam mit den Bibliotheken erarbeiten und hören genau zu, was die Bibliotheken von uns wollen. Und dafür sind beispielsweise soziale Medien sehr, sehr gut geeignet. Im Handeln verbinden Menschen sich. In der Medienpädagogik würde man eben auch sagen: „Menschen lernen durch Medien“, indem sie lesen, indem sie zuhören, indem sie einem Film schauen. Auf der anderen Seite ist es eben so, dass Leute durch das Tun etwas lernen. Das ist übrigens auch das Interessante am Blogging. Wenn Sie anderen etwas erklären müssen, dann lernen Sie am besten. Normalerweise wäre diese Information zum Kochen in Philadelphia an mir vorbeigeflogen und ich hätte gesagt „Ach wie interessant!“. Aber durch den Hinweis der amerikanischen Bibliotheksexpertin June Garcia bin ich darauf aufmerksam geworden. Ich fand das Projekt spannend, habe dazu recherchiert und darüber geschrieben. Dadurch, dass ich es anderen erklären will und gut erklären will, lerne ich selber besser…

bibliotheksnews: …„Lernen durch Schreiben“ ist auch der zentrale Ansatz unseres Blogs. Die Studierenden des Departments Information der HAW Hamburg bloggen über den Bibliothekartag, lernen durch das Schreiben nicht nur, Informationen zu recherchieren, zu bewerten und aufzubereiten, sondern den Paradigmenwandel der Bibliotheken besser zu verstehen…

Mittrowann: …Übertragen auf die Zukunft der Bibliotheken bewegen wir uns in einer Bildungs- und Wissensgesellschaft, in der lebenslanges Lernen eine viel größere Rolle spielt. Dabei kann das Bloggen helfen – auch durch das Feedback, das man zu seinen Gedanken bekommt. Ich denke, dass Bibliothekare in Zukunft in sehr viel stärkerem Maße Lernbegleiter sein sollten. Der Grund dafür ist, dass man heute durchschnittlich sieben Jobs in seinem Leben hat, statt wie früher, wo man einen hatte, muss man eben immer neu lernen. Die Bibliothek kann die Institution sein, die diesen Lernprozess fördert. Um das leisten zu können, müssen Bibliothekare auch gut erklären können und sie müssen didaktische Fähigkeiten haben. Ich bin ein großer Befürworter der Aktivitäten, zum Thema Bibliothekspädagogik, die es beispielsweise ja in Mannheim gibt, oder in Leipzig bei Frau Prof. Dr. Kerstin Keller-Loibl. Bibliothekare müssen sich auf diese Aufgabe einstellen. Und damit sind wir wieder beim Culinary Literacy Center in Philadelphia, weil das Kochen eben auch bedeutet, dass die Bibliotheksmitarbeiter vielleicht erklären müssen, warum sie das Projekt betreiben und wofür das gut sein soll – und vor allem: „Welche Medien haben wir, die wir dafür zur Verfügung stellen können?“. Das ist ein aktiver Umgang mit dem Thema, den wir haben und deswegen glaube ich auch, dass die Bibliothek in dem Bereich eine neue Rolle hat.

bibliotheksnews: Wie würden Sie die Kernaufgabe von Bibliotheken in der Wissens- und Informationsgesellschaft beschreiben?

Mittrowann: Ich glaube, das ist von der Bibliothek abhängig. Meine Botschaft wäre: Eine Bibliothek hat den Auftrag, ein Wissens- und Beratungszentrum sein, ein Haus der Bücher und der Medienvielfalt, ein Ort zum Lernen und der digitalen Kompetenzen – mit Leseförderung als Basis von allem. Dabei muss es die Aufgabe jeder Bibliothek sein, ihr Umfeld genau zu betrachten und sich zu fragen: „Welche Menschen leben in meiner Stadt?“, „Welche Bevölkerungsgruppen sind dort vertreten?“, „Welche Zielgruppen will ich erreichen?“ Dazu muss sie Instrumente haben. Neben Sinus-Milieus gibt hier beispielsweise den kommunalen Wegweiser der Bertelsmann Stiftung. Damit arbeite ich persönlich bei meinen Beratungsprozessen in der ekz sehr stark, weil man sehr viele Daten für Kommunen nutzen kann. Erst nachdem eine Bibliothek ihr Umfeld analysiert hat, kann sie formulieren, welche Zielsetzungen sie konkret verfolgt – gemessen an dem Auftrag, den die Kommune beziehungsweise die Politik ihr erteilt. Die Bibliotheken schweben ja nicht im freien Raum. Sie sind Institutionen der Kommunen. Mit anderen Worten, Bibliotheken verfolgen keinen Selbstzweck, sondern sind ein Werkzeug. Für den Einzelfall ist daher immer wichtig zu wissen, was die Kommune mit diesem „Werkzeug Bibliothek“ erreichen will. Wenn die Kommune sagt, unsere Bibliothek hat einen Bildungsauftrag, sie soll Medien für alle Bürger bereitstellen und Zugänge zu Informationen bilden, dann ist das schon mal ein Auftrag, auf dem die Bibliothek aufbauen und ihre Ziele konkret definieren kann. Dabei muss die Bibliothek zukunftsorientiert agieren. Wenn ich zum Beispiel weiß, dass in meiner Kommune im Jahre 2030 rund 35 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre oder älter sein werden, dann folgt daraus der Auftrag für die Bibliothek, sich zu überlegen, welche Dienstleistung sie für diese Senioren erbringen will. Ich bitte, dass jetzt nicht falsch zu verstehen: Das bedeutet nicht nur „Ja wir müssen die Regalabstände breiter machen, damit alle mit ihren Rollatoren durch kommen“. Sondern es bedeutet zum Beispiel Überlegungen zu neuen Formen der Bürgerbeteiligung: Die meisten der 65-Jährigen werden super fit sein und damit als mögliche Helfer für die Bibliothek zur Verfügung stehen. Man muss ich also fragen: „Was können wir für diese Menschen tun?“ und „Was können die tun für die Bibliothek und mit der Bibliothek?“

bibliotheksnews: Gibt es Beispiele für diese Einbindung der Communities, die Sie besonders gelungen finden?

Mittrowann: Ein besonders gelungenes Beispiel ist das Projekt der Hamburger Medienboten, das auf einer ehrenamtlichen Tätigkeit für die Bibliothek basiert. Heute ist es so, dass wenn Sie eine Bibliothek fragen, mit wie vielen Ehrenamtlichen sie arbeitet, dann bekommen Sie in den Sektion-2-Bibliotheken, (Anm. d. R.: Öffentlichen Bibliotheken für Versorgungsbereiche von 100.000 bis 400.000 Einwohnern) die Antwort: „Wir arbeiten mit so 70 bis 80 Ehrenamtlichen.“ Es gibt das Vorlesepatenprojekt der Stiftung Lesen, das ist ein besonders gutes Beispiel, wie man Menschen auch einbinden kann. Viele haben ja auch Berührungsängste und sagen: „Ich kann ja gar nichts machen für die Bibliothek, aber vorlesen können viele sehr, sehr gut, wenn sie ein Training bekommen haben – was ja ein Teil dieses Vorlesepatenprojektes ist. Die Einbindung von Jugendlichen in Bibliotheken ist natürlich ein wunderbares Thema. Da gibt es Dresden beispielsweise die hervorragende Medienetage und in Hamburg die HOEB4U. Dort werden die Jugendlichen eingebunden und die Auszubildenden der Bibliothek managen die Bibliothek selber. Das heißt, die Zielgruppe ist auch selber am Drücker. Wenn man heute mal nachguckt, wie Wikipedia Jugendliche definiert, sind das eigentlich alle Menschen bis 30. Also gibt es heute einen sehr weiten Begriff von „Jugendlichen“ und insofern passen Hamburg und Dresden. Ich denke, Nürnberg ist ein sehr gutes Beispiel, wie man Menschen mit Zuwanderungsgeschichte einbinden kann in die Bibliothek und die Erstellung von Bibliotheksangeboten. Ein anderes gutes Beispiel in diesem Feld wäre in Frankfurt am Main. Dort ist auch eine Bibliothek, die sich unter anderem erfolgreich auf die Frage konzentriert, wie man Menschen mit Zuwanderungsgeschichte eben auch in die Konzeption und in die Erstellung von Bibliotheksangeboten einbinden kann. Das sind jetzt lauter Großstädte, aber es gibt garantiert unendlich viele Beispiele aus kleineren und mittleren Städten.

bibliotheksnews: Eine der Kernaufgaben sozialer Medien ist es, diesen Partizipations- und Integrationsprozess voranzutreiben. Welche Bibliotheken liefern hier spannende Ansätze für die Nutzung sozialer Medien?

Mittrowann: In Deutschland fällt mir Krefeld als erstes Beispiel ein, weil Krefeld einfach sehr früh angefangen hat und sehr früh mit dabei war. Die Krefelder sind auch im BuB portraitiert worden mit dem Thema „Facebook in der Bibliothek“. Auch im Ausland gibt es viele Bibliotheken, die man nennen könnte, wie die Bibliotheken in New York und San Francisco. Viele haben Twitter-Accounts, viele haben Facebook-Auftritte und zeigen Youtube-Filme. New York beispielsweise bringt ja die eigenen Lesungen auch als Youtube-Film. Viele amerikanische Bibliotheken machen auch Podcasting; bieten ihre Vorträge also zum Download an. Ich glaube das ist in Deutschland noch nicht so stark ausgeprägt, aber im Kommen. Ich glaube, dass wir da alle noch auf dem Weg sind, und da kann ich auch aus der ekz-Erfahrung sprechen. Wir selber haben auch vor drei Jahren mit sozialen Medien angefangen, sprich einen eigenen Facebook-Auftritt und wir twittern. Wir haben herausgefunden, dass das eine Herausforderung ist und wir einen eigenen Mitarbeiter benötigen, der sich dem schwerpunktmäßig widmet. Man kann jetzt nicht einfach sagen: „Ach wir veröffentlichen jetzt mal unsere News auf Facebook.“ Man muss Facebook eine eigene Sprache geben und es gezielt nutzen. Zum Beispiel für kleine Interaktionen, um mal ein Bild zu posten, oder jetzt hier über die Messe-Aktivitäten auf dem Bibliothekartag zu informieren. Das kann man natürlich auf die Bibliothekswelt übertragen. Man kann sich ein ganz schnelles Feedback über Facebook abholen und zum Beispiel gezielt Jugendliche fragen: „Wie könnten wir unseren Jugendbereich neu gestalten?“, „Wie sollte das jetzt bei uns für euch sein?“ und „Was habt ihr da für Vorschläge?“. Die Skandinavier sind in diesem Bereich sehr stark. Aarhus ist ein hervorragendes Beispiel für den sehr frühen Einsatz – sogar eigener – sozialer Plattformen. Es hat den Buchclub ins Internet übertragen. Sein digitaler Buchclub bietet unendlich viele Formen von interkulturellen Angeboten für Zuwanderer speziell von der Bibliothek, sowie ein Portal lokaler Autoren. Ich glaube, es gibt hier unendlich viele Möglichkeiten für Bibliotheken, soziale Medien für soziale Partizipation und Integration zu nutzen.

bibliotheksnews: Wie weit ist die Nutzung von sozialen Medien in Deutschland im Vergleich zur internationalen Bibliotheksszene vorangeschritten?

Mittrowann: Ich würde – eher aus dem Bauch heraus – sagen, dass Deutschland sich im Mittelfeld bewegt. Sicherlich sind die Skandinavier und die USA, man muss auch immer nochmal Singapur nennen, in dem Bereich führend. Sie sind aber eben auch insgesamt sehr stark führend. Diese Länder haben alle die sozialen Medien relativ stark adaptiert und integriert. Vor drei Jahren, also ein relativ veralteter Wert, haben wir in unserer Kundenbefragung die Nutzung sozialer Medien erfragt. Bei Facebook lag die Beteiligung bei circa 20 Prozent, das heißt nur ein Fünftel hatte damals überhaupt einen eigenen Facebook-Auftritt. Ich glaube, das ist schon mal nicht schlecht, um es positiv auszudrücken. Aber mir persönlich würde es besser gefallen, wenn es vielleicht 30 bis 40 Prozent wären. Man muss aber auch fairerweise sagen, und das ist sehr wichtig, dass viele Bibliotheken bei der Nutzung sozialer Medien auf große lokale Probleme stoßen. Lokal, weil viele IT-Abteilungen der Kommunen aus beispielsweise Sicherheitsgründen verbieten, dass kommunale Einrichtungen, wie Bibliotheken, Facebook-Auftritte hosten dürfen. Oder weil das dann keine kontrollierte Kommunikation ist, die durchs Presseamt der Stadt geht und so weiter. Also die Kommunen selber sind noch gar nicht so aufgestellt. Das ist aber eine ganz spannende Rolle – auch und vielleicht auch vor allem für Bibliotheken. Da kann ich Ihnen die beiden Bibliotheken in Gütersloh und Münster nennen. Gütersloh, nicht nur weil ich da mal gearbeitet habe und immer noch sehr begeistert von der Bibliothek bin, sondern auch weil Gütersloh am Projekt „Lernort Bibliothek“ in Nordrhein-Westfalen teilgenommen hat. Digitale und soziale Medien spielen dort eine große Rolle. Nach diesem Projekt hat die Bibliothek beschlossen, dass die Mitarbeiter ein Fünftel ihrer Arbeitszeit mit sozialen Medien verbringen sollen. Das finde ich klasse! Mitarbeiter haben ja auch oft ein schlechtes Gewissen nach dem Motto: „Wenn ich jetzt bloggen würde, wäre das ja mein Privatvergnügen.“ So als wären soziale Medien Spielzeuge und keine ernsthaften Arbeitsinstrumente. Daran muss man arbeiten, denke ich, und in Münster ist es auch durch das Projekt „Lernort Bibliothek“ ganz ähnlich gewesen. Interessant ist der kulturelle und soziale Wandel in beiden Städten, die von den Bibliotheken ausgehen. Die Kommunen wenden sich inzwischen an ihre Bibliotheken, wenn sie jetzt etwas zum Thema soziale Medien machen wollen oder Fragen dazu haben. Die Bibliotheken sind in den Kommunen jetzt die Kompetenzzentren für soziale Medien. Das ist für mich eine ganz spannende neue Rolle. Das ist ein Kompetenzzuwachs in der Bibliothek und ich glaube, das zeigt das Potential von Bibliotheken als Orten der Aktivierung.

 

Andreas Mittrowann

Andreas Mittrowann, Foto: bibliotheksnews/lj

Andreas Mittrowann ist seit Januar 2008 als Bibliothekarischer Direktor bei der ekz.bibliotheksservice GmbH in Reutlingen tätig. Davor hat er in der Bertelsmann Stiftung verschiedene Bibliotheksprojekte im In- und Ausland mitkonzipiert, geleitet und begleitet. Dazu gehörten Programme zur Leseförderung, zum Einsatz neuer Medien in Bibliotheken sowie ein internationales Stipendien- und Netzwerkprogramm. Als ausgebildeter Diplom-Bibliothekar (HAW Hamburg) hat er von 1987 bis 1994 in verschiedenen Bibliotheken als IT-Koordinator, Lektor und in der Kundenberatung gearbeitet. Von 2001 – 2003 war Andreas Mittrowann im Advisory Board des EU-Projektes „PULMAN – Public Libraries Mobilising Advanced Networks“ tätig. Das Blog Globolibro wurde von ihm im Februar 2006 gegründet.